Schnittchen, Wein und Jazz-Legenden im Wohnzimmer

1990 suchte Polydor Deutschland einen Produktmanager für Jazz. Nachdem die Stelle sechs Monate ausgeschrieben war und keiner sich darauf beworben hatte, ließ ich mich von dem damaligen Polydor Progressive Music-Abteilungsleiter Tim Renner und dem Polydor-Geschäftsführer Götz Kiso breitschlagen, den Job zu übernehmen. Die Aufgabe: eine Modernisierung der Jazz-Marken Verve und ECM.

Natürlich war ich als Jazz-Produktmanager vom ersten Tag im Hause Polygram ein Außenseiter. Der Job versprach keine Hits, keine Künstler in „Wetten, dass…?“, keine goldenen Schallplatten. Stattdessen: trockene Diskussionen über lange Jazzsoli mit besserwisserischen Feuilletonisten oder mit zornigen Jazzfans, die ihre Frau zu Hause gelassen hatten, wenn sie denn überhaupt noch eine hatten. Stundenlang musste man sich beim Vertrieb und bei ignoranten Schallplattenhändlern den Mund fusselig reden, damit sie zumindest eine Platte in die Hand nahmen. Ok, manchmal nachvollziehbar, denn viele Jazz-Veröffentlichungen verkauften in ihrem Lebenszyklus soviel Alben, wie ein Sommerhit in fünf Minuten in einer einzigen WOM-Filiale. Deshalb lag der Fokus bei Polygram auf Hits. Stückzahlen! Der damalige Phonogram-Chef Louis Spillmann brachte die Konzernphilosophie auf den Punkt: Runter mit dem Niveau – rein in die Charts!

Mein Chef Tim Renner war Experte für Punk, New Wave, Pop und Elektronik. Maximale Songlänge: 3 Minuten. Ohne Soli. Jazz-Titel hielt er gerade mal für 30 Sekunden aus. Ihn juckte aber eine coole Vermarktung von Jazz, um in seinem Freundeskreis nicht als Verräter dazustehen. Jazz war in Zeiten von Disco, Punk, New Wave und beginnendem Techno alles andere als hip. Nebenbei wollte Renner auch beim französischen Weltchef punkten: Alain Levy. In Frankreich erlebte Jazz zufälligerweise Ende der 80er Jahre einen Boom. „Das muss auch in Deutschland funktionieren!“, hüstelte Levy dem damaligen deutschen Chef Wolf-Dieter Gramatke zu. Ay ay, Sir! Renner und Kellersmann, übernehmen Sie! Ay ay, Sir!

Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit entdeckte ich die Vielzahl der Jazzlabels, die sich im Laufe der Jahrzehnte durch ständige Zukäufe oder Merger beim Polygram-Konzern angesammelt hatten. Meine Kenntnisse über Labelnamen waren zu diesem Zeitpunkt eher gering – meine vertrauten Labels hießen TDK SA90 und Maxwell XL II 90. Selbstcompilierte Musikkassetten waren mein Ding. Die „Credits“ auf den „Covern“ reduzierten sich auf Künstler- und Titelnamen. Nun fand ich viele dieser Künstler auf Polygram-Labels wie Mercury, A&M, Emarcy, Horizon, Philips, King Records, Amadeo, Sonett, Barclay, Fontana, East Wind, MGM, Delite Records, Motown, Chess, Elenco, Brunswick, Decca, JMT, Polydor, Verve und MPS wieder. Eine Schatzkammer!

Neben diesen Zukäufen von Labels hatte auch fast jede Landesgesellschaft im Laufe der Jahrzehnte mal eine lokale Jazzgröße unter Vertrag genommen. Das geschah aus Pflichtbewusstsein (wir tun was für unsere lokale Kultur), zur Freundschaftspflege (die Bridgefreundin der Frau vom Konzernchef hat einen Bruder, der Jazzpianist ist) oder Jazz lag wirklich gerade mal im Trend (in den frühen 70er Jahren). In einem einzigen Fall hatte ein A&R-Manager eine heimliche Leidenschaft für Jazz und profilierte sie neben seinem Popbusiness (Siggi Loch).

So verfügte also mein damaliger Arbeitgeber Polygram über ein riesiges Reservoir an Jazzlabeln und -künstlern. Da es jedoch kommerziell wertlos schien, gab es keine Archivpflege. Gezielte Informationen konnten nur wenige alte Mitarbeiter geben, die irgendwo ausrangiert in der Sachbearbeitung ihre Tage bis zur Rente zählten.

MPS gehörte zu den Labels, die ich 1990 vorfand. Es wurde 1983 vom damaligen Polygram-Chef Rudi Gassner gekauft. Gassner hatte ein Faible für Jazz. Jedoch verließ er kurze Zeit nach der MPS-Akquisition Polygram und die MPS-Bänder gesellten sich zu den Staubfängern anderer Jazz-Labels im Archiv.

Das verärgerte natürlich den Gründer und Verkäufer von MPS Hans Georg Brunner-Schwer (kurz: HGBS). HGBS hatte im Laufe von über 20 Jahren mehr als 500 zum Teil stilprägende Produktionen für sein MPS – Label initiiert, finanziert und veröffentlicht. Bereits kurz nach seinem Verkauf befürchtete er, dass sein Lebenswerk in Vergessenheit geraten könnte.

HGBS war ein leidenschaftlicher Musikliebhaber und Technikfreak. 1927 in Villingen im Schwarzwald geboren, wurde er durch seinen Vater Fritz Brunner, einem studierten Violinisten, Pianisten und Dirigenten, früh an Musik herangeführt. Sein Vater wechselte nach der Einheirat in die Villinger Industriefamilie Schwer zur Elektronik-Branche. Sein Großvater war der Gründer der Firma SABA (Schwarzwälder Apparate Bau Anstalt), die später weltweit mit der Produktion von TV- und Rundfunkgeräten bekannt wurde. Nach dem Krieg arbeitete HGBS zunächst bei der Internationalen Film-Union und anschließend bei Siemens. 1957 stieg er bei SABA ein, wo er 1960 technischer Geschäftsführer wurde. Sein Bruder Hermann leitete den kaufmännischen Bereich.

Den Jazz lernte HGBS während des Krieges kennen. Eher zufällig entdeckte er ihn durch englische und amerikanische Sender, die u.a. Glenn Miller spielten. Ein lebensgefährliches Unterfangen, denn auf Hören von „Feindsendern“ stand im schlimmsten Fall Todesstrafe. HGBS liebte auch die deutsche Tanz- und Unterhaltungsmusik, die im Auftrag des deutschen Propagandaministeriums eingespielt wurde, auch wenn diese Musik musikalisch und rhythmisch entschärft wurde. Daneben galten seine musikalischen Leidenschaften der Popmusik, der Klassik und der Volksmusik. Ein musikalischer Allrounder. Sein Credo: „Die musikalische Aussage muss ehrlich sein!“

Seine Produktionstätigkeit begann in den 50er Jahren. Unter anderem mit Horst Jankowski, Hans Koller oder Albert Mangelsdorff. 1963 startete er Hauskonzerte im Wohnzimmer seiner Privatvilla in Villingen. Das simple Konzept: ein Künstler, gerne ein Weltstar, solo oder mit Band. Zudem ein kleiner Kreis aus Freunden, Musikern, Geschäftspartnern und Journalisten. Während seine Gäste mit Schnittchen, Wein und Livemusik verköstigt wurden, zog sich HGBS zurück in den Regieraum, wo er an seinem Mischpult die Aufnahme regulierte.

Den Auftakt der Hauskonzerte machte Oscar Peterson, der zu diesem Zeitpunkt auf dem Gipfel seiner Karriere war. Peterson war auf Welttournee und wurde für die normale Abendgage zum Hauskonzert aus Zürich nach Villingen chauffiert. Sofort freundeten sich Peterson und HGBS an, der nun häufiger einen Umweg in den Schwarzwald machte. Neben Peterson traten im Laufe der Jahre Bill Evans, Duke Ellington, George Duke, Monty Alexander, Friedrich Gulda und viele andere weltberühmte Künstler in Brunner-Schwers Wohnzimmer auf.

Ab 1963 veröffentlichte HGBS erste Produktionen auf dem von ihm gegründeten SABA-Label. 1968 verkauften die Brunner-Schwer-Brüder SABA. Hans Georg konnte sich nun seinen exklusiven Leidenschaften widmen: dem Sammeln von Maybach-Automobilen, Studiotechnik und der Musik. Er gründete das MPS-Label (MusikProduktion Schwarzwald), das ab sofort Deutschlands erste Adresse in Sachen Jazz wurde. Neben HGBS wurde Joachim-Ernst Berendt der wichtigste Produzent des Labels. Während HGBS sich eher dem Mainstream-Jazz widmete, konzentrierte sich Berendt auf experimentellere Produktionen (s. Kapitel „Mit beleidigten Grüßen“). Ein weiterer wichtiger Produzent war Gigi Campi. Er wirkte in Köln und war Mastermind der Clarke Boland Big Band. Zwischen 1968 und 1983 erschienen auf dem MPS-Label Aufnahmen unter anderem von den „Singers Unlimited“, Sun Ra, George Shearing, Dizzy Gillespie, Ella Fitzgerald, Archie Shepp, Rolf Kühn, Joachim Kühn, Jean-Luc Ponty, Michael Naura, Art van Damme, Joanne Grauer, Mark Murphy, Monty Alexander, Ernest Ranglin, Baden Powell und den bereits oben genannten Künstlern.

Nachdem HGBS das Label 1983 an Polygram verkaufte, gab es nur sehr sporadische Veröffentlichungen bis 1992. Ab 1990 war ich dann ja der neue MPS-Chef. Darüber war ich mir zunächst nicht bewusst. Meine Gedanken drehten sich um die Label Verve, ECM und Talkin’ Loud. Doch häuften sich die Anrufe, Faxe oder Briefe von frustrierten Künstlern, die sich nach der Verfügbarkeit ihrer Alben erkundigten. Einmal stand sogar Schlagzeuger Charly Antolini unangemeldet in meinem Büro und empörte sich lautstark darüber, dass wir den Verkauf seiner Alben boykottieren würden. Schlagzeuger sind sehr emotionale Menschen!

Im Sommer 1991 bekam ich erstmals Post aus Villingen-Schwenningen. „Hans Georg Brunner-Schwer – Fabrikant“ stand auf dem Briefkopf. Er besuchte seinen Sohn in Hamburg und wollte mich bei dieser Gelegenheit kennenlernen. MPS war für mich zu diesem Zeitpunkt noch immer ein Buch mit sieben Siegeln. Das sollte sich nun ändern.

Wir verabredeten uns auf einen Sonntagnachmittag im Hotel Vier Jahreszeiten. Hamburgs beste Adresse. Es war der heißeste Tag des Jahres.

Selbstverständlich wollte ich pünktlich und frisch geduscht in meinem neuen Anzug erscheinen. Hamburger Produktmanager trifft Schwarzwälder Fabrikanten. Doch es kam anders als geplant. Am Tag zuvor spielte ich mit Andreas Dorau in Rostock. Ein lokaler NDW-Fan hatte sich den Traum erfüllt, Dorau und „Der Plan“ für ein Gastspiel zu engagieren. Im Publikum waren knapp 50 Zuschauer, die noch nie von beiden Bands gehört hatten. Sehr ernüchtert von dieser kurzfristigen Wendeeuphorie, machten wir uns nach dem Gig auf, das exotische Rostock zu erforschen. Am frühen Morgen endete der exzessive Abend an der letzten offenen Imbissbude von Rostock. Bier nach deutschem Reinheitsgebot und Wurst nach DDR-Rezept.

Leicht ausgenüchtert machten wir uns zu Mittag auf den Weg nach Hamburg. Nicht einkalkuliert hatten wir die desolaten Straßen von Mecklenburg-Vorpommern. Höchstgeschwindigkeit maximal 60kmh. Mit über einer Stunde Verspätung erreichten wir Hamburg. Verschwitzt und verkatert, mit zwei Saxophonen unter den Armen, fuhr ich direkt ins Hotel Vier Jahreszeiten. HGBS wartete grollend in der Empfangshalle. Kein gutes Omen für unser erstes Treffen.

Wir gingen in ein nahegelegenes Restaurant. Deutsche Küche. Erst mal einen doppelten Doppelkorn und ein frischgezapftes Bier. Es war noch immer ungewöhnlich heiß. Noch einen doppelten Doppelkorn und ein weiteres Frischgezapftes. Nun folgte ein zweistündiger Monolog, der nur vom Kellner, der uns weitere Erfrischungen reichte, unterbrochen wurde. Jetzt ließ HGBS jahrelang aufgestauten Dampf ab. Sein Katalog sei nicht mehr auffindbar! Alle wichtigen MPS-Alben seien gestrichen! Sein Lebenswerk verstaube im Polygram-Bandarchiv! Er bereue den Verkauf von MPS! Ich konnte ihm nicht widersprechen. Er hatte in allen Punkten Recht.

Nach zwei Stunden lockerte sich die Stimmung. Die Schnäpse, die Hitze und der verpuffte Dampf zeigten Wirkung. Nun war selbst mein runtergerockter Zustand von Vorteil. HGBS hatte ein Herz für Musiker und für Menschen, denen es um Musik ging. Zwei Saxophone unter dem Arm kleideten mich besser als mein neuer Anzug!

Er bot seine Unterstützung zur Auswertung des Kataloges an. Ohne finanzielle Erwartungen. Nur eine Bedingung stellte er: das Remastering der alten Aufnahmen laufe unter seiner Hoheit. The Most Perfect Sound by HGBS.

Den Auftakt machten wir mit Oscar Peterson. Unter dem Originaltitel „Exclusively For My Friends“ erschienen Ende der 60er Jahre die Hauskonzerte. Früher auf sechs Original-LPs, jetzt in einem 4-CD-Set. Es war die Zeit, in der die Plattensammler ihre Vinylsammlung verschenkten oder bestenfalls auf lau verkauften und sich für teures Geld alles neu auf CD zulegten. Klang natürlich viel besser!

Problematisch entwickelte sich die Suche nach dem Original Artwork. In einer Säuberungsaktion des Band- und Coverarchivs in Hannover-Langenhagen stellten wir fest, dass sämtliche Fotos und Filme, die damals natürlich nicht digital vorlagen, vernichtet waren. Da musste wohl Platz für aktuelle Hits geschaffen werden. Frühjahrsputz im Polygram-Archiv! So mussten wir für diese und alle späteren Veröffentlichungen mühsam die Materialien von Sammlern beschaffen.

Die Peterson-Veröffentlichung übertraf nun alle Erwartungen. Ein kleiner Hinweis im „Spiegel“ genügte, um nach wenigen Tagen allein in Deutschland mit 5000 Boxen ausverkauft zu sein. 3 Wochen vor Weihnachten. Lieferzeit für die nächste Auflage waren vier Wochen. GAU! (Für die Controller unter uns: die Box hatte einen Handelsabgabepreis von DM 80.-. Gleich 4x Highprice. 4 x 5000 = 20.000 „normale“ CDs. = DM 400.000.- Umsatz allein in Deutschland). Nicht so schlecht für eine ungeplante Jazz-Wiederveröffentlichung, die fast keine Kosten verursachte. Dazu kamen internationale Verkäufe vor allem in den USA, Kanada, Frankreich und Japan. Da staunten selbst die Popkollegen.

MPS war ab sofort Schwerpunkt! Brunner-Schwer hatte „Carte blanche“. Sein nächster Traum: eine Doppel-CD mit seinen liebsten Pianoaufnahmen aus 20 Jahre Aufnahmetätigkeit. Die „MPS Piano Highlights“.

Bei den „MPS Piano Highlights“ sollte alles noch aufwendiger, schicker, exklusiver werden. Mit dem verantwortlichen Grafiker Dirk Rudolph und dem Autoren der Liner-Notes Jörg Eipasch fuhr ich erstmalig nach Villingen im Schwarzwald, um die Veröffentlichung zu besprechen. HGBS und seine Frau Marlies empfingen uns wie Könige. Bei deftigem Abendessen, non-stop Kirschwasser und dem Abhören der „MPS Piano Highlights“ auf maximaler Lautstärke im alten Original-Wohnzimmer fühlten wir die Leidenschaft und Gastfreundschaft, die vor uns schon Oscar Peterson, Duke Ellington und alle anderen Weltstars erfahren durften.

HGBS freute sich natürlich, dass wir seinen „MPS Piano-Highlights“ unsere ganze Aufmerksamkeit schenkten. Das Booklet wurde mit Sonderfarben, englischen und deutschen ausführlichen Liner-Notes und einem repräsentativen Schuber ausgestattet. Der Grafiker Dirk Rudolph hatte sich bereits beim CFO (Chief Financial Controller) einen Namen gemacht. Seine Arbeiten wurden auf internen Schulungen bevorzugt als Beispiel präsentiert, wie eine CD-Verpackung nicht sein darf. So stattete er eine Philip Boa-Doppel-LP so exklusiv aus, dass die Druckkosten den Handelsabgabepreis überstiegen. Verlust bei jedem verkauften Tonträger. Aber bei den „MPS Piano Highlights“ ging es um Kultur und Prestige. Immer an den Käufer denken! Deshalb erhöhten wir sicherheitshalber auch die Erstauflage um ein Vielfaches. Denn wir wollten nicht wieder vor Weihnachten ohne Ware dastehen.

Doch als die Box erschien, wollte sie keiner haben.

Flops werden schnell verdrängt. Doch 6 Monate nach der Veröffentlichung stand der Polydor Chefcontroller aufgelöst in meinem Büro. „Herr Kellersmann (man siezte sich noch in dieser Zeit, Anm. Kelly), kennen Sie die Box „MPS Piano Highlights“? „Ja, tolle Box, Herr Seibt, oder?“ Er musste tief durchatmen. In seiner Hand hielt er den Ordner „Flat fee penalties for excessive packaging“. Die neuen Controller-Richtlinien aus der Zentrale in Holland. Die optimale CD bestand aus holländischer Controller-Sicht aus billiger Plastikhülle und zwei Seiten Booklet. Doch jeder Künstler und Produktmanager wünschte sich selbstverständlich die schönste Ausstattung. Eine CD für die Ewigkeit. Ein Erbstück.

Die neuen Richtlinien legten Umfang und Ausstattung für jede Veröffentlichung genau fest. Verstöße wurden mit Strafpunkten belegt, die mit 8000.- Gulden für jeden „Exzess“ geahndet wurden. Die Zentrale zählte bei den „MPS Piano Highlights“ acht Exzesse. Also 64.000 Gulden. Die CDs lagen noch stapelweise im Lager. Wir wollten lieferfähig bleiben! Doch auch das verursachte zusätzliche Kosten, da jede gelagerte CD mit hohen Bestandskosten belastet wurde…

Mit leicht gebremstem Optimismus setzten wir die Katalogveröffentlichungen fort. HGBS remasterte die kompletten Aufnahmen von „The Singers Unlimited“, die in einer 7-CD-Edition erschien. Gilles Peterson compilierte mit dem DJ und MPS-Experten Rainer Trüby die Serie „Talkin Jazz“; der MPS-Sammler Stephan Steigleder stellte CDs aus wegweisenden Produktionen von u.a. Rolf und Joachim Kühn oder Wolfgang Dauner zusammen und mein Kollege Matthias Künnecke versorgte seine Easy Listening-Freunde in aller Welt mit so schönen CDs wie „Snowflakes“.

2004 wurde die Zusammenarbeit mit HGBS plötzlich beendet. Er verstarb durch einen Autounfall in Villingen im Alter von 77 Jahren (Musikproduzenten mit 77 Jahren sollten besonders vorsichtig im Straßenverkehr sein. Neben HGBS wurden noch Joachim-Ernst Berendt und Monti Lüftner im gleichen Alter durch ein Auto erfasst und starben). HGBS war gerade dabei, noch unveröffentlichte Hauskonzerte zu sichten. Unter anderem eine Aufnahme von Bill Evans. Er gab mir auch noch eine ungemasterte CD von diesem Hauskonzert. Jedoch hielt ihn irgendetwas zurück. 2016 wurde ich überrascht mit der Meldung, dass diese Aufnahme bei Resonance Records erschien. Der Erbe des MPS-Archivs hatte diese Aufnahme für eine Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

2013 verkaufte Universal Music MPS. Der Grund: Universal akquirierte EMI. Der Kauf musste jedoch noch seitens der EU Kartellbehörde in Brüssel genehmigt werden. Universal war bereits in vielen Märkten Marktführer. Die Gefahr einer Monopolstellung bestand. Deshalb bot Universal der Brüsseler Behörde an, sich von einigen Labeln zu trennen. MPS war eins davon. Die Beatles vs Oscar Peterson, Joachim & Rolf Kühn und die MPS Piano Highlights.

In einem Bieterverfahren erhielt aus acht Angeboten die Firma „Wolfgang Vaults“ den Zuschlag. Wolfgang Vaults wertete unter anderem das Erbe des 1991 verstorbenen Konzertpromoters Bill Graham (Geburtsname: Wolfgang Grajonca) aus. Graham war Besitzer der legendären Konzertsäle Fillmore West in San Francisco und Fillmore East in New York. Er hatte alle Konzerte in seinen Locations mitgeschnitten und war berühmt für das stilprägende psychedelische Artwork, dass mich als Teenager sehr beeindruckte und welches nun über „Wolfgang Vaults“ kommerziell ausgewertet wurde.

Ich hatte gerade Universal verlassen, als sich der verantwortliche Verkaufsmakler bei mir meldete. Er war dankbar jemanden gefunden zu haben, der mit der Geschichte des Labels MPS vertraut war. Der potentielle Käufer war es anscheinend nicht. Ich gab ihm die Kontakte zur Familie Brunner-Schwer sowie zu Sammlern und weiteren Experten des Labels. Es stand sogar eine zukünftige Zusammenarbeit im Raum. Ich empfand das als durchaus attraktive Perspektive, irgendwo in Kalifornien zwischen alten Hippies den ganzen Tag Grateful Dead- und Jefferson Airplane-Archivaufnahmen zu hören und nebenbei den MPS-Katalog erneut auszuwerten. Doch nachdem sämtliche Details durchverhandelt waren, zog der „Wolfgang Vaults“ Besitzer einen Tag vor Vertragsunterzeichnung sein Angebot zurück. Bis heute weiß ich nicht warum. Die Akte MPS wurde bei Universal Music beiseite gelegt.

Einige Monate später kontaktierte mich der Gründer und Inhaber der Edel AG, Michael Haentjes, während meines Sabbaticals in Rio de Janeiro. Da ich seit Monaten keine Neuigkeiten über den MPS-Verkauf gehört hatte, gab ich ihm den Tipp, mal bei Universal nachzufragen. Dort zog man den Ordner aus der Schublade und sah, dass die Frist, die Brüssel gesetzt hatte, fast abgelaufen war. MPS musste schnellstens verkauft werden! Haentjes schlug zu. Die Edel AG war ab sofort die neue Heimat für MPS. Kurze danach fing ich bei Edel an zu arbeiten.

Wir reaktivierten MPS. 2015 erschien nach 32 Jahren erstmals wieder eine neue Veröffentlichung mit dem Trio KhalifeSchumacherTristano. Weitere neue Produktionen kamen von Rolf Kühn, Hamilton de Holanda, Django Deluxe mit der NDR Big Band, Lisa Bassenge mit der Larry Klein-Produktion „Canyon Songs“, der Erstveröffentlichung der letzten Baden Powell-Liveaufnahme aus dem Jahre 2000, Malakoff Kowalski, Mari Boine, Malia, Barbara Dennerlein und China Moses. Die Resonanz war überwältigend: Echo Jazz-Gewinne, Preise der deutschen Schallplattenkritik und natürlich das positive Feedback der leidenschaftlichen Jazzfans. Neben den Neuproduktionen erschienen ausgewählte Wiederveröffentlichungen auf CD und LP. Unter anderem die Oscar Peterson „Exclusively for my Friends“- 6-LP-Vinyl-Box (auf CD mit unveröffentlichten Material), die 7-LP Box mit den kompletten George Duke-MPS-Recordings, die wunderbare Doppel-LP von Gilles Peterson „Magic Peterson Sunshine“ sowie der gesamte Katalog als Download und Streaming.

Im Jubiläumsjahr setzen wir die Neuveröffentlichungen fort: Rolf Kühn mit dem Album „Yellow & Blue“, Nicola Conte mit „Let Your Light Shine“, Malia mit „Ripples (Echoes of Dreams)“, Malakoff Kowalski mit „My First Piano“ und dem jungen Sänger Erik Leuthäuser, dessen Album „Wünschen“ von Greg Cohen produziert wurde und eine neue Benchmark in Sachen deutschsprachigen Gesangs setzt. Darüberhinaus werden Till Brönner, Götz Alsmann, Ed Motta und Gilles Peterson als MPS-Botschafter im Herbst jeweils ihr Lieblingsalbum aus dem MPS-Katalog vorstellen. Außerdem findet vom 7.-9.September ein MPS-Festival in Villingen statt. Rolf und Joachim Kühn sind bereits als Top-Acts bestätigt.

Getrübt wird das Jubiläumsjahr durch Konflikte zwischen dem Förderverein MPS-Studio Villingen e.V. und dem Sohn von HGBS, Mathias Brunner-Schwer. Diesen Schwarzwaldkrimi kann man in der Lokalpresse verfolgen. Doch lassen wir uns dadurch nicht die Party vermiesen! In diesem Sinne: Happy Birthday MPS!

 

 

Hans Georg Brunner-Schwer und Oscar Peterson auf kleiner Spritztour durch den Schwarzwald. Hier mit Zweitwagen – der Maybach blieb dieses Mal in der Garage. (Foto: aus dem Buch „Jazzin the Black Forest“ – Monitorpop)

 

 

 

Der leidenschaftliche Hobby-Pianist Hans Georg Brunner-Schwer schaut sich ein paar Tricks bei Milt Buckner ab, während Frau Marlies die Blumen für Buckner bereithält. (Foto: aus dem Buch „Jazzin‘ the Black Forest“ – Monitorpop).

 

 

 

Joachim-Ernst Berendt mit Nathan Davis. (Foto: aus dem Buch „Jazzin‘ the Black Forest“ – Monitorpop).

 

Oscar Peterson mit „The Singers Unlimited“. Kürzlich erschien ihr wunderbares Album „In Tune“ auf CD und LP. (Foto: aus dem Buch „Jazzin the Black Forest“ – Monitorpop).

 

Listening-Session im MPS-Studio. Vorne im Bild: Mike Hennessey. Direkt dahinter Mathias Brunner-Schwer. (Foto: aus dem Buch „Jazzin the Black Forest“ – Monitorpop).

 

MPS-Vertriebs-Meeting. Mit Hans Georg Brunner-Schwer (5.v.l.), dem Produzenten Willi Fruth (6.v.l.) und weiteren MPS-Mitarbeitern (Foto: aus dem Buch „Jazzin‘ the Black Forest“ – Monitorpop).

 

Das MPS-Studio heute. Das Studio wird aktuell genutzt und soll ab Herbst wieder voll analog laufen. (Foto: Töni Schifer – Monitorpop).

 

Bei dieser Tontechnik kann Musik nur gut klingen! Der Blick ins MPS-Studio. (Foto: Töni Schifer – Monitorpop).

 

Fabrikant auf Lebenszeit. Erst von Geräten für Unterhaltungselektronik, später für Musik. Der Briefkopf  von Hans Georg Brunner-Schwer.

Zeitlos schön: das MPS-Logo

 

Listening-CD von der lange verschollenen Bill Evans-Aufnahme, die mir HGBS noch kurz vor seinem Tode in die Hand drückte. Vorletztes Jahr erschien die Aufnahme bei Resonance Records. In einem schöneren Cover.

 

Ankündigung für das „Jazzin“ the Black Forest“-Festival in Villingen vom 7.-9. September 2018. Vielleicht sehen wir uns dort?

5 Kommentare

  1. Günther Fischer am

    Lieber Christian ,
    eine tolle Geschichte … einfach Klasse… und ich weiß worum es geht…
    Es war auch ein bisschen meine Zeit.

    Liebe Grüße
    Günther

  2. Michael Möhring am

    Hey Kelly!

    Immer wieder erheiternd diese alten Polydor/Motor-Anekdoten zu lesen.
    Ich war damals Anfang der Neunziger als Storemanager auf der „anderen Seite“.

    Schöne Grüße
    Michael

  3. Christian Schlottau am

    Lieber Christian,

    Wunderbar!
    Wenn auch nicht wirklich meine Musik, so doch herrlich formuliert
    und lehrreich alle Mal! Und talking loud kannte ich 😉 sogar.
    Weiter so und bis bald!
    C
    The beat goes on 🎸🎶🎶🎶

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