ALEGRIA! ALEGRIA!

Gleich geht es in die Sambódromo-Arena!

Sechs Monate Rio am Stück. Anstrengend. Hitze, Partyalarm, Krach, ständige Unverbindlichkeit. Es gibt keine Pause. Am Strand mal einnicken? Besser nicht. Oder ein Buch lesen? Macht keiner. Verträumt durch die Straßen wandeln? Gefährlich.

Flucht für ein paar Tage. Das Ziel: Minas Gerais. Der Staat, der an Rio angrenzt. Grüne, einsame Berglandschaften, die romantischen alten Goldgräberdörfer Tiradentes und Ouro Preto, Sommerfrische, Ruhe. Ein anderes Brasilien.

60 km südlich von der Hauptstadt Belo Horizonte bei Brumadinho liegt das Museum Inhotim. Auf 35 Hektar verteilen sich 21 Galerien und viele Außen-, Innen- und Soundinstallationen. Mit brasilianischer und internationaler zeitgenössischer Kunst. Einige  Highlights: die Pavillons von Tunga, Cildo Meireles, George Bures Miller & Janet Cardiff, Miguel Rio Branco, Lygia Pape und Matthew Barney. Eingebettet sind die Kunstwerke in einer riesigen Parkanlage – entworfen von Roberto Burle Marx, dem Landschaftsarchitekten der Hauptstadt Brasilia. Initiiert wurde das Projekt vom Industriellen und Kunstmäzen Bernardo Paz.  Respekt. Künstler können ihre Werke in einer einmaligen Umgebung zeigen. Die örtliche Gemeinde profitiert von den vielen Besuchern.  Und ich verlasse das Museum mit einem neuen Blick auf die Welt und Brasilien. Nach 6 Stunden in Inhotim erscheint die Außenwelt für mich wie ein Kunstwerk.

Die Agenda der letzten Wochen: Sommerferien, Silvester und Karneval.  Silvester hatte ich schon häufiger in Rio erlebt. Gemeinsam mit zwei bis drei Millionen anderen Menschen – vorzugsweise in weiß gekleidet – feierten wir am Strand von Copacabana. Die Standards: ein großes Feuerwerk; ein paar in- und ausländische Top-Acts, die auf drei verschiedenen Bühnen spielen (Superstar Will-I-Am – sagte dieses Jahr drei Tage vor dem Gig ab- das störte aber niemanden) und Blumen, die man zu Ehren der Meeresgöttin Iemanjá ins Meer wirft. Dabei springt man sieben Mal über Wellen. Dann wird alles gut im nächsten Jahr.

Unsere Wohnung liegt vis-à-vis zum Strand. 1-A-Lage. Party-Pflicht. Entspannt und ohne Gedrängel, bei Büffet und gekühlten Getränken  bewundert man das Schauspiel „von oben“. Alles war perfekt organisiert. Freunde sorgten für die leckeren Speisen. Die Getränke waren Tage zuvor angeliefert worden.  40 Liter Eis für Bier  und Spumante – „bem gelada“  – waren geordert. Zugesagter Liefertermin: 31.12. um 17.00 Uhr. Inklusive einer großen Wanne. Doch bis 18.00 Uhr war das Eis nicht da. Etwas Verspätung ist normal hier. Rufen wir mal an. Nach 5 Minuten Klingeln geht jemand ran. Es gäbe da ein Problem, war die Antwort, aber das Eis kommt gleich. Ok. Doch eine Stunde später standen die Getränke immer noch im Warmen. Der Kühlschrank war belegt mit dem Essen. Die drei Eiswürfelbehälter hätten gerade mal für zwei Drinks gereicht. Und der heißeste Sommer seit Menschengedenken nahm gerade Fahrt auf. Die ersten Gäste trafen ein. Ihre Reaktion: „Vergiss es. Die liefern doch heute nicht! Wir sind hier in Rio.“ Stress! Mit drei Männern marschierte meine Frau Cristina zum Eisdealer. Völliges Chaos vor Ort. Aufgeregte Kunden nahmen sich, was sie brauchten. Etwas Eis war noch vorrätig. Doch die Wannen waren vergriffen. Wo sollen wir die Getränke nun kühlen? Unsere Porteiros (Doormen) João und Josemir retteten uns. Im Hof war ein Mülleimer verstaut. Neu und unbenutzt. Nur ein paar paar Kakerlaken schliefen dort. Die verscheuchten wir und der neue Kühlschrank wurde in der Küche installiert. Die Party konnte starten. Vamos dançar!

Seit September liefen in Rio die öffentlichen Vorbereitungen für den Karneval. Als gebürtiger Hamburger stehe ich dem naturgemäß etwas reserviert gegenüber. Mein Bild war geprägt von Straßenparaden aus dem Rheinland: alte Männer stehen auf lustigen Karnevalswagen (in diesem Jahr war wohl die „nackte Kanzlerin“ der Hit) und werfen Bonbons in die Menge. Die Würze geben dann die Karnevalsschlager mit Schunkelfaktor. Der Karneval in Rio ist geprägt von Hitze, Hektik und Karnevalsschlagern mit afrikanischem Beat.

Das Herz des Karnevals bilden 46 Samba-Schulen und unzählige „Blocos“. Die Samba-Schulen treten einmal im Jahr in den Wettbewerb. Sie sind aufgeteilt in unterschiedliche „Ligen“. Man kann auf- und absteigen. 12 Samba-Schulen sind in der ersten Liga. Am Karnevalssonntag und Rosenmontag  treten diese Schulen im „Sambódromo“ – entworfen von Oscar Niemeyer –  gegeneinander an. Jede Schule wählt ein Leitthema. Über 60.000 Menschen sind live dabei und ein paar Millionen tanzen vorm Fernseher. Eine Expertenjury entscheidet in 10 Kategorien über den Sieger (und den Absteiger). Die landesweite Übertragung der Auszählung der Stimmen findet Aschermittwoch statt.

Ein Pflichttermin! Ab Weihnachten bemühten wir uns um Tickets. „Camarotte“ war das Zauberwort. VIP-Lounges. Besonders begehrt von den Bierproduzenten Brahma und Devassa. Kostet nix, die Sicht ist gut und Bier satt bis zum Umfallen. Das schien auch zunächst kein Problem zu sein. „Meldet Euch“, war die Ansage von Freunden und Bekannten, „klappt schon irgendwie“. Doch eine Woche vor Beginn der Veranstaltung war noch kein Ticket in Sicht.

Dann poppte kurzfristig („heute Abend“)  die Möglichkeit auf, die Samba-Schule „Vila Isabel“ bei der technischen Probe zu begleiten. Dank Bossa-Legende João Donato. Er war Ehrengast bei „Vila Isabel“. Ein paar seiner Freunde waren willkommen. Beginn der Probe: Sonntag vor der offiziellen Parade. Ab 23.00 Uhr. Es war ein verdammt heißer Tag. Über zwei Stunden warteten wir mit ca. 3800 anderen Menschen vor dem Eingang ins Sambódromo.  Im Polyester-Shirt. Nassgeschwitzt, bevor der Zug sich in Gang setzte. Offizielle von Vila Isabel teilten uns in 33 Gruppen auf. „Dançar e cantar!“ Gebt alles! „Alegria, Alegria!“ Gesagt getan. 70 Minuten Volldampf. Mantraartig dröhnten die Sänger auf uns ein. Vor mir ein knapp 60-jähriger ausgelassener Mann. Ich sah ihn vor dem Eintritt in die Arena, wie er seinen Durst mit einigen Bierchen stillte. Auf halber Strecke klappte er plötzlich zusammen. Sofort waren Sanitäter bei ihm. Er zuckte, seine Augen waren weit geöffnet – er reagierte nicht mehr. Das sah nicht gut aus. Doch der Zug wurde fortgesetzt. „Alegria, Alegria“. Jetzt unter Schock. Kurz bevor wir das Ziel erreichten, wurde eine zweite Person mit einer Bahre abtransportiert.

Sonntags darauf: der Wettbewerb. Am Nachmittag erhielten wir die Bestätigung, dass wir dabei sind. Doch Vila Isabel –  Sieger im vergangenen Jahr – war schlecht organisiert. Normalerweise erhalten die Beteiligten die Kostüme Tage zuvor, um Korrekturen vorzunehmen. Doch mangelnde Zahlungsmoral führte dazu, dass viele Kostüme viel zu spät oder nur zum Teil fertiggestellt waren. Nun sollten unsere am Tag der Performance  um 18.00 Uhr in Donatos Haus in Urca  angeliefert werden. Doch tatsächlich kamen sie um 21.30 Uhr an. 1 Stunde und 40 Minuten Zeit zum Umziehen und um kostümiert mit Bus und Bahn zum Stadion zu fahren. Dort mussten wir unsere „Ara“ (Gruppe)  „Floresta Branca“ finden. In letzter Sekunde trafen wir vor der Arena ein. Hektik, Chaos, Durcheinander. Um Punkt 23.10 Uhr begann der Einzug in das Stadion. Jede Minute Verspätung kostet Strafpunkte. Wir waren dabei.

Das Thema von Vila Isabel: Brasil Plural. Eine bunte, vielseitige Performance. Von einem großen Feuerwerk begleitet, zogen wir ins Sambódromo ein. Wir gaben alles. Tanzten wild, sangen laut und lächelten ins Publikum. Trotzdem reichte es nur für Platz 10. Andere Schulen waren besser. Kaum zu glauben.

Am Samstag nach Aschermittwoch der dritte Besuch im Sambódromo: das Schaulaufen der besten sechs Schulen. Beginn: 22.00 Uhr. Ende: 6.00 Uhr morgens. Dieses Mal erlebe ich die Perspektive des Publikums. In 8 Stunden zogen ca. 25.000 Beteiligte durch die Arena. Eine Vielfalt von Kostümen, Freude und subtilen Botschaften. Es war taghell, als die Gewinner „Unidos da Tijuca“ ihre Performance beendeten. „Eintracht Braunschweig von Brasilien“ sagte MC Gringo. Sein Favorit „Mangueira“ schaffte es auch nicht unter die ersten Sechs. Doch Unidos da Tijuca siegte verdient. Ihr Thema: „Ayrton Senna“. Ein Tribut an den Nationalheiligen Brasiliens. Eine bewegende und hochprofessionelle Show. Truck 1 war ein Mausoleum. Ein Formel 1-Wagen fuhr heraus. Ein jubelnder Formel 1-Fahrer begrüßte das Publikum. Bei dem letzten Karnevalswagen schoss eine große Wasserfontäne in die Menge. Champagner für den Sieger. Senna ao vivo!

Musikalisches Highlight der letzten Wochen: der „O Maior Encontro do Mundo“ – Soundsystem-Contest im Piscinha do Ramos. Im Norden von Rio. 1 ½ Stunden Busfahrt von der Copacabana. Der Sohn meiner Schwägerin trat mit seiner Crew „O Cacetão“  an. Auf einem freistehenden Platz in der Größe von ca. 4 Fußballfeldern präsentierten 12 Equipment-Firmen ihre Soundsysteme, die kreisförmig aufgebaut waren. Der Boxenaufbau hatte eine Länge von bis zu 25 Metern und eine Höhe von maximal 4 Metern. Dauer: von 16.00 Uhr bis in die frühen Morgenstunden. Elektronik, Baile Funk, Soul, Techno und House auf höchsten Niveau. 15 Minuten Zeit für jede Crew, dann wechselte die Company. Es war verdammt laut!

Ansonsten: Gal Costa überzeugte mit ihrer jungen Band feat. Domenico und Pedro Baby im Circo Voador mit ihrer aktuellen „Recanto“-Show. Zwischen spröde und ausgelassen. Warum haben wir in Deutschland keine Künstlerin mit knapp 70 Jahren, die so ein mutiges Programm einem 20-30jährigen Publikum serviert und jeder singt begeistert mit? Ebenso Caetano Veloso. An gleicher Stelle einen Monat später. Er präsentierte seine neue Live-DVD/-CD „Abraçaço Ao Vivo“. Umwerfend. Der Sänger und Gitarrist Felipe Cordeiro aus Belem bot eine bunte Mischung aus Lambada, Surf, Polka, afrikanischen und karibischen Klängen.  An der Leadgitarre: sein Vater. Baby do Brasil aka Baby Consuelo präsentierte ihre Funk- und Novos Baianos-Hits. Inklusive einem Gastauftritt von Caetano. Vor der Haustür am Strand spielten Fernanda Abreu, João Bosco, Rosa Passos, Roberta Sá, Martinho da Vila und Alcione. Großartig das Konzert des Perkussionisten und Sängers Domenico. Er ist neben Kassin und Moreno Veloso einer der großen Hoffnungsträger der jüngeren Szene Rios. Moreno und Domenico waren auch an dem neuen Album von Gilberto Gil „Gilbertos Samba“  beteiligt. Eine Hommage an João Gilberto. Am 4. April war die Live-Premiere. Die Produktion war toll. Doch hätte mir die Show noch besser gefallen, wenn es keine Referenz an João Gilberto gegeben hätte. So wurde jeder Titel am „Boss des Bossa Nova“ gemessen. Jeden Abend gut: der Absacker im Bip Bip. Eine Session-Bar in Copacabana. Die Musiker platzieren sich an einem großen Tisch und spielen auf Zuruf bekannte und unbekanntere Klassiker. Akustisch. Das Publikum steht vor der Tür. Der Beifall: leises Schnippen mit den Fingern. An besonderen Abenden hält Chef Afredinho ein Plädoyer. Wofür oder wogegen hängt von der Mischung seiner Gäste, Getränke und Augentropfen ab.

Langsam bewegt sich die Stadt auf die WM zu. Vor unserer Haustür wird gerade ein großes Gerüst aufgebaut. Wird das hier etwa die Fanmeile?

 

 

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