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Klassische Musik ist reichhaltig, komplex, herausfordernd und wunderschön. Jedoch ist es für viele Menschen schwierig, einen Zugang zu ihr zu finden. Besonders jüngere Menschen finden selten den Weg in klassische Konzerte und sie gehören auch nicht zu den Käufern von Tonträgern mit klassischer Musik. Auf verschiedenen Ebenen wollten wir also Zugänge schaffen: neben dem Aufbau von neuen Stars und der Einführung von Live-Formaten wie der Yellow Lounge, initiierten wir die TRIFFT-Serie: Testimonials stellen eine Doppel-CD ihrer Lieblingskomponisten zusammen. Gemeinsam mit meinem langjährigen Berater Christoph Becker sammelte ich mögliche Kandidaten. Die Anforderungen waren klar: es sollten Personen sein, die cool sind,  klassische Musik mögen (Expertenwissen war keine Vorraussetzung) und etwas zu sagen haben (ohne einem dabei auf die Nerven zu gehen).

Die ersten Anfragen gingen an Harald Schmidt, Iris Berben, Christoph Schlingensief, Diedrich Diederichsen, Dieter Wedel, Thomas Gottschalk, Benjamin von Stuckrad-Barre, Helmut Schmidt, Marcel Reich-Ranicki und Hildegard Knef. Gottschalk sagte ab, da Wedel sich sehr schnell für Mozart entschieden hatte und er deshalb etwas beleidigt schien. Helmut Schmidt sagte ab, da er Probleme mit dem Hören hatte. Reich-Ranicki sah sich in seinen Musikkompetenzen limitiert (was ich sehr bedauerte, denn nachdem ich seine Autobiographie gelesen hatte, höre ich Chopin mit anderen Ohren). Alle anderen waren dabei! Und alle wußten auch schnell, welche Komponisten sie vorstellen wollten. Jeder bekam eine kleine Gage, die von den meisten „Klassik-Botschaftern“ für wohltätige Zwecke gespendet wurde.

Die Fotos schoss Harald Hoffmann. Dirk Rudolph war für das Design verantwortlich. Er hatte die Idee, die  Testimonials auf dem jeweils gleichen Stuhl vor der gleichen Leinwand zu platzieren und fotografieren. Der Vorteil: die Fotos konnten mobil erstellt werden.

Wir bestückten die „Botschafter“ mit den wichtigsten Aufnahmen ihrer Lieblingskomponisten aus unseren Archiven. Einige hatten sehr schnell ihr Tracklisting und ihre Liner-Notes erstellt (u.a. Harald Schmidt), andere waren froh über etwas Unterstützung aus unserem Katalogteam.

Den Start machten wir mit jeweils zwei Veröffentlichungen: Harald Schmidt traf Bach und Iris Berben traf Verdi. Der zweite Schub war mit „Christoph Schlingensief trifft Wagner“ und „Diedrich Diederichsen trifft Schönberg“ geplant.

Die Serie sollte – neben den Komponistenportraits – die vielfältigen Annäherungen an klassische Musik aufzeigen. Wir fragten bewusst keine studierten klassischen Musikwissenschaftler oder Kritiker. Jeder Zugang war erlaubt: der emotionale, der intellektuelle, der politische. Damit wollten wir einem neuen Publikum die Angst vor der klassischen Musik nehmen.

Die Medien griffen die Veröffentlichungen dankbar auf. Quer durch alle Publikumszeitschriften, Klassikforen (insbesondere RONDO), Feuilletons bis hin zur BILD-Zeitung („Kaufbefehl!“) wurde über die Veröffentlichung heiß diskutiert. Zum Teil auch bösartig. Den Vogel schoss Jürgen Kesting in der FAS vom 21.4.2002 ab: „Kellersmeier und Kumpane haben die Kritik an den von ihnen angerichteten ästhetischen Untaten erbittert als elitär zurückgewiesen. Natürlich haben sie sich dabei immer auf ‚die Leute‘ berufen, die es so und nicht anders haben wollen. Mal abgesehen davon, daß es immer schon einfach war, sich auf den Geschmack derer zu berufen, deren Geschmack man selber deformiert hat – die ‚Leute‘ sind auf den Schmus nicht hereingefallen, auf das dümmste und erfolgloseste Marketing, das je für klassische Musik gemacht worden ist. Die ‚prominenten Paten‘, die Herr Kellersmeier mit seinem Partner im Zeitgeist, dem Produzenten Christoph Becker, für posthume Treffen mit Bach, Verdi, Mahler oder Wagner engagierte, um ‚mit leicht provokativen Texten den klassischen Katalog neu zu präsentieren‘, haben, euphemistisch gesagt, die Hoffnungen bitter enttäuscht: Selbst die von Harald Schmidt präsentierte Bach-Ausgabe hat nicht einmal eine Auflage von tausend Exemplaren erreicht. Und bei Verdi-Patin Iris Berben konnten vom Erlös der CDs kaum die Fotos bezahlt werden, mit denen ihr Verdi-Album dekoriert wurde.“

Ich bin vom Stuhl gefallen, als ich das las! Der Autor hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Hintergründe für die Serie zu recherchieren und stellte obendrein Behauptungen auf, die falsch waren. Ich konnte nach diesem Artikel  nachvollziehen, wie es Künstlern ergeht, die in der  Presse niedergemetzelt werden. Mein alter Musikwissenschaftsprofessor rief mich aus Hamburg an und fragte, ob ich bereits den Anwalt eingeschaltet hätte?

Mit der Serie gingen viele Türen auf – ein Fakt, der von den Kritikern gerne unter den Tisch gekehrt wurde. So lud Harald Schmidt in seine Sat1-Show den Thomaner  Chor aus Leipzig ein. Gemeinsam mit dem Thomaskantor Georg Christoph Biller performten sie drei Bach’sche Choräle. So viel Musik – und schon gar nicht klassische Musik –  gab es bis dato noch in keiner Harald Schmidt-Show. Und auch in keinem anderen deutschen Entertainment-Format. Es war der Auftakt für Schmidt, wiederholt klassische Künstler in seine Show einzuladen. Wie erwartet, wurde die Diederichsen-Kopplung breit im Popfeuilleton diskutiert. Der „Rolling Stone“ druckte die kompletten Liner-Notes von  Benjamin von Stuckrad-Barre über Johannes Brahms ab. Vier Seiten Klassik im „Stone“ – das gab es nie zuvor.

Doch der vielleicht größte Coup war die Annäherung von Christoph Schlingensief und Christian Thielemann – das ist dann das nächste Kapitel.


Alle Coverfotos: Harald Hoffmann – Design: Dirk Rudolph

1 Kommentar

  1. Frank Jastfelder am

    Gerade erst neulich wieder bei Bach reingehört. Mir hast Du die Klassik damit in jedem Fall ein Stück näher gebracht. Werde Harald bei Gelegenheit mal darauf ansprechen.

    Liebe Grüße
    Frank

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