Sockenabteilung im Luxuskaufhaus

Jazzthing-Herausgeber Axel Stinshoff


Zwei Musikzeitschriften feiern in diesen Tagen ihre Jubiläen: „Crescendo“ wird 15 und „Jazzthing“ 20 Jahre alt und veröffentlicht obendrein das 100. Heft.

Mit dem Chef vom Jazzthing, Axel Stinshoff,  hatte ich stets mehr Kontakt als mit Winfried Hanuschick, dem Herausgeber vom Crescendo. Stinshoff rief vor jeder Heftproduktion zweimal an: das erste Mal ca. 8 Wochen bevor das Heft erschien. Er erkundigte sich, welche neuen Platten er für das kommende Heft redaktionell berücksichtigen solle. Ich betete ihm in Superlativen die Liste der Neuveröffentlichungen vor. Eine war immer passend für die Titelgeschichte und alle anderen waren mindestens gut für eine größere Geschichte. Zumindest aus meiner Perspektive. Zwei Wochen später meldete er sich dann nochmal. Diesmal allerdings in der Eigenschaft des Verlagsleiters: er wollte über Anzeigen reden. Da er über unsere Neuheiten bestens informiert war, betete er mir nun vor, wie wichtig es sei, jede Veröffentlichung auch gebührend mit einer Anzeige zu würdigen. Mindestens eine für die Rückseite. Und alle anderen seien gut für eine größere Anzeige im Heft.

War das unseriös? Nein, denn Axel war nie käuflich. Er hatte immer seinen eigenen Kopf. Oft genug ärgerte ich mich über seine Entscheidungen, bestimmte Prioritäten zu setzen, die für mich nicht nachvollziehbar waren. Oder zum falschen Zeitpunkt kamen. So hatten wir etwa drei Veröffentlichungen von Herbie Hancock in 10 Jahren  – keine wurde mit einem Titel bedacht. Und dann ging Hancock mit einem Album zur Warner – was ja bereits an sich schon ein großes Ärgernis war  – und wurde noch mit einer Titelgeschichte im Jazzthing belohnt!

Es war sehr mutig, vor 20 Jahren ein Jazzmagazin zu gründen. Der Jazzmarkt war auch damals ein Nischenmarkt. Es gab zu dem Zeitpunkt zwei Konkurrenten auf dem Markt: das Jazzpodium und die Jazzthetik. Das Jazzpodium  rezensierte die Neuheiten ca. 2 Jahre nach ihrem Erscheinen. Die Leser störten sich nicht daran, da eine Jazzplatte im Alter eher besser wird. Zumindest aus der Sicht des Jazzpodiums-Lesers. Die Jazzthetik war aktueller. Hier durften sich die Münsteraner Soziologie- und Musikwissenschafts-Studenten, die in ihrer Freizeit Jazz, neue Klassik und Avant-Pop hörten, als  Feuilletonisten austoben. Beide Magazine waren optisch konsequent: jede neue Ausgabe des Jazzpodiums fühlte sich an wie ein Original aus den fünfziger Jahren (jedoch ohne gammelige Duftnote), während ich mich beim Jazzthetik-Layout jedes Mal ärgerte, warum wir das damals bei unserer Schülerzeitung nicht so gut hinbekommen hatten.

Ich lernte Axel als Redakteur der Zeitschrift BAD kennen. BAD befasste sich mit schwarzer Musik und Kultur. Jazz war ein Genre neben Hip Hop, Rap, Reggae, afrikanische Musik, Funk und Soul. Das entsprach dem damaligen Zeitgeist: der Mojo-Club in Hamburg, die Beat Box in Wuppertal, das Babalu in München, das Soul Seduction in Wien, das Dingwalls in London und die Groove Academy in New York eröffneten einen neuen Zugang zum Jazz. Nicht jedes einzelne Solo musste totdiskutiert werden, sondern wichtiger war, ob die Musik in die Beine ging. In England gab es mit dem „Straight No Chaser“  bereits ein Musikmagazin, dass diesen Musikmix reflektierte.

Axel sah das Potential für ein neues Jazzmagazin in Deutschland. Inhaltlich mit Blick über den Tellerrand und äußerlich im Geiste der Jazz-Ästhetik der 60er Jahre. Das Experiment funktionierte und beflügelte auch die anderen Jazzmagazine, die sich neu aufstellten.

 

Der Macher des „Crescendo“ Winfried Hanuschick blieb stets im Hintergrund. Er mischte sich selten in die redaktionellen Entscheidungen ein. Das war Sache der Chefredaktion, die so auch sehr stark den inhaltlichen Kurs der Zeitung festlegte. Mal war es ein Kampfblatt für neue Ideen in der klassischen Musik, mal bediente es mehr das traditionelle Publikum.

Beide Herausgeber suchten stets den Austausch über Musik und die Ausrichtung ihrer Magazine. Das mag selbstverständlich sein, ist es aber nicht. Es gab nicht wenige Journalisten, die einer inhaltlichen Diskussion auswichen oder bereits im Vorfeld alles (besser)wissen. Vielleicht ist Musikjournalismus deshalb oft auch so berechenbar?

Beide Akteure baten mich nun, für ihre Jubiläumshefte einen Beitrag beizusteuern. Ehrensache. In beiden Artikeln geht es um einen kleinen Rück- und Ausblick im Jazz und in der Klassik. Ich wünsche beiden Magazinen weiterhin viel Erfolg und Spaß bei der Arbeit!

Und da die Hefte bestimmt schon vergriffen sind, gibt es zumindest meine Beiträge hier nochmal zu lesen:

DIE ROLLE DER MAJOR-LABELS FÜR DIE JAZZ-SZENE

Die erste Frage, die gestellt werden muss: wie ist es um die Bedeutung des Jazz innerhalb des Major Labels bestellt? Danach richtet sich entscheidend, ob ein Major Einfluss auf die Jazzszene ausübt.

Ich war 23 Jahre verantwortlicher  Jazz-Manager beim größten Major-Label: zunächst Polygram später Universal Music. Erst als Produktmanager innerhalb der Polydor, danach als Abteilungsleiter der  neu geschaffenen Jazzabteilung bei Motor Music, einer unabhängigen Alternative-Struktur innerhalb der Universal Music. Die letzten 12 Jahre schließlich als Geschäftsführer einer 23-köpfigen Firma, die sich ausschließlich um Jazz und Klassik kümmerte.  Tatsächlich war ich in einer sehr privilegierten Situation, denn kein anderer Major leistete sich den Luxus einer derartig großen „Exotik“-Abteilung. Gleichzeitig war mir jederzeit klar: die Abteilungen hätte es nicht gegeben, wären wir nicht profitabel gewesen. Der Bereich Jazz (und später auch Klassik) wurde zu keiner Zeit subventioniert. In jedem Jahr haben wir die zweistelligen Renditevorgaben erreicht und waren somit eine verlässliche Instanz, um die internationalen Renditeziele zu erfüllen.

Bevor ich bei Polydor begann, arbeitete ich kurze Zeit bei Teldec Records in Hamburg als  Produktmanager. Es war mein erster fester Job bei einer Plattenfirma, wie es damals noch hieß.  Ich lernte schnell, worum es ging – verkaufte Einheiten. Das hieß damals bei der Teldec: Bobby Brown, Skid Row oder Testament.

Mich hingegen faszinierte der großartige Atlantic-Katalog mit seinen Jazz- und R&B-Schätzen. Zudem gab es einige  Jazz-Neuproduktionen von Mike Stern, dem Modern Jazz Quartett oder Danny Gottlieb.  Das interessierte jedoch niemanden im Hause: sobald ich den Namen eines Jazzers in den Mund nahm, wurde mir sehr schnell seitens der Geschäftsleitung, der PR-Abteilung und des Vertriebes klargemacht, daß die mal schön in der Schublade bleiben sollten.

Jazz gab es bei Atlantic, weil es Nesuhi Ertegün gab. Er war der Bruder des Firmengründers Ahmet Ertegün und bekennender Jazz-Freak. Damit war eine wichtige Vorraussetzung erfüllt, um bei einem Majorlabel dem Genre Jazz die nötige Aufmerksamkeit zu schenken: ein Top-Executive liebt diese Musik und macht sich dafür stark. Denn natürlich sind kurzfristige Umsatzexplosionen, wie man sie im Popbereich erlebt, im Jazz die große Ausnahme. Doch gute Jazzveröffentlichungen haben oft einen längeren Atem und verkaufen noch Jahre nach ihrer Veröffentlichung. Schade nur, daß Nesuhi verstarb, kurz bevor ich meinen Job antrat.

Als ich dann nach meinem Wechsel guter Dinge und hochmotiviert bei Polygram begann, war jedoch auch dort die Aufmerksamkeit für Jazz anfangs gleich null. Es gab eine Assistentin, die die ECM-Produkte anmeldete und einen fast pensionierten (wenn auch sehr jazzversierten) Manager. Er kannte den Verve-Katalog auswendig, war jedoch völlig frustriert, weil sich kein Kollege im Hause für seine Veröffentlichungen interessierte. Warum nicht? Jazz war nicht sexy. Es gab – abgesehen von Miles Davis und der war auch noch bei Warner Music – keine großen, charismatischen Jazz-Stars. Es gab keine glamourösen Gold- und Platin-Verleihungen, keine Prämien für den Außendienst, keine Hit-Singles, die man mitsingen konnte. Jazz-Alben wurden „rausgestellt“ und maximal mit einer Anzeige im damals einzigen Magazin Jazzpodium begleitet. Damit setzt man im Markt keine Impulse.

Doch  dann bewegte sich etwas in Frankreich. Die Jazzumsätze explodierten. Die Zigarettenmarke Gitanes investierte jährlich siebenstellige Summen in den Aufbau der Marke „Gitanes Jazz“. Der französische  Polygram-Weltchef fuhr regelmäßig auf dem Weg zur Arbeit durch ein  Gitanes-Jazz-vollplakatiertes Paris. Das wollte er auch in anderen Ländern sehen! Jetzt „musste“ Jazz bearbeitet werden. Das hiess: es stand auf einmal Geld zur Verfügung, Marketing- und Promotionpläne mussten geschrieben werden und der Vertrieb bekam Sollvorgaben, um den Jazz im Handel zu platzieren. Der Dampfer kam in Fahrt.

Nicht alle Kollegen wurden sofort Jazzfans. Die Sympathien musste ich mir erarbeiten. „Inhouse-Promotion“ war angesagt.  Mein Chef Tim Renner war darin Großmeister. Er schlug vor,  die Vertriebs- und Popkollegen zu einem Jazzworkshop einzuladen. Teil eins: Barjazz. Ein Kumpel rückte mit seiner kompletten Bar ins Büro und mixte die härtesten Cocktails. Der Abend eskalierte: die Belegschaft enthemmte zusehends,  die Alarmanlage wurde diverse Male in dieser Nacht aktiviert, die Büros und die Klos waren nach diesem Abend in einem desolaten Zustand.  Lag es an der Musik von Stan Getz, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald und Walter Wanderley? Egal. Es blieb hängen: die Jazzer können feiern!

Doch es blieb auch zähe Arbeit.  Im ersten Jahr war  Matthias Reim der Star der Stunde: mit „Verdammt ich lieb Dich“ gingen stündlich tausende Singles und Alben über den Tresen. Mein Schwerpunkt der Saison war Alexander von Schlippenbach mit  seinem Berlin Contemporary Orchestra. Knappe 600 Units in drei Monaten. Retouren nicht eingerechnet.

Aber die Umsatzzahlen sprachen eine klare Sprache. Es waren anfangs weniger die „Top-Hits“ als vielmehr der Katalog, der das Geld in die Kasse spülte. Später erzielten wir dann auch sechsstellige Verkaufszahlen mit Künstlern wie Jamie Cullum, Melody Gardot, Diana Krall und Till Brönner. Niemand pfuschte uns mehr ins Handwerk.

In den letzten 13 Jahren kreiste dann bei Universal Music immer wieder das Personalkarussel auf der Top-Managementebene. Neue Chefs, neue Prioritäten, neue Strukturen. Viele Machtkämpfe und viel Politik lenkten ab vom eigentlichen Fokus: der Künstler- und Repertoirearbeit. Der Jazzkatalog verkümmerte in den USA, Repertoirepflege gab es kaum noch. Die verantwortlichen Mitarbeiter interessierten sich nicht für Jazz. Das Motto: ein Schritt nach vorn, zwei zurück.

Es bleibt zu hoffen, daß der aktuelle Verve-Chef David Foster, ein versierter und erfolgreicher Pop- und Crossover-Produzent, und Blue Note-Präsident Don Was das Blatt wenden werden.

Mein persönliches Fazit nach fast 23 Jahren Major: der Einfluss auf den Jazz-Markt kann enorm sein. wenn es eine glückliche Personal-Konstellation gibt und die finanziellen Ressourcen vorhanden sein. Ein Flop, der einem kleinen Label das Genick brechen kann, steckt ein Major locker weg. Der Veröffentlichungsdruck, den ein Major entwickeln kann, ist einmalig. Ein jährliches Marketingbudget im guten sechsstelligen Bereich kommt dem Markt zugute. Doch letztlich muss es ein klares Bekenntnis zum Jazz und eine klare Strategie seitens der Major-  Konzernspitze geben. Und daran mangelt es leider häufig.

 

GRUNDERNEUERUNG 2013 – UPDATE 12 ERFAHRUNGSJAHRE SPÄTER

Kürzlich traf ich mich mit dem Crescendo-Herausgeber Winfried „Wini“ Hanuschick in München. Wie bei jedem unserer Treffen hatten wir einen interessanten Erfahrungsaustausch über unsere Beobachtungen des Klassikmarktes. Am Ende bat er mich, eine aktuelle Bestandsaufnahme mit meinen Erfahrungen der letzten 12 Jahre für das Jubiläumsheft zu verfassen.

Ich dachte an ein Update des Artikels  „Wie die Klassik grunderneuert werden soll“, den ich im Jahre 2001 für die NMZ geschrieben hatte. Vielleicht könnte ich ihn mit Kommentaren versehen? Ich setzte mich an die Arbeit und merkte, dass dieses Herumgekrame in der Vergangenheit wenig zielführend ist. Deshalb möchte ich es bei einer kurzen Bestandsaufnahme belassen und dann nach vorne schauen:

Die wichtigste Aufgabe war es seinerzeit, neue Stars zu etablieren. In den 90er Jahren gab es nur ein paar „Altstars“: Anne-Sophie Mutter,  Nigel Kennedy, Luciano Pavarotti. Aber es gab kein neues Gesicht. Das änderte sich Mitte des neuen Jahrhunderts: Anna Netrebko, Rolando Villazon, Lang Lang, Cecilia Bartoli  und einige andere betraten die Bühne. Sie sorgten für große Aufmerksamkeit in den Medien. Plötzlich fand Klassik wieder außerhalb des Feuilletons statt: „Wetten, dass…?“, die BILD-Zeitung und andere Medien entdeckten die Klassik neu. Und auch das Publikum interessierte sich wieder für dieses Genre.

Der neue Typus Klassikkünstler – attraktiv, jung, modern bei gleichzeitig höchsten künstlerischen Ansprüchen – wurde durch einen neuen „Look“ in Szene gesetzt: die Portraits und die Coverfotos bekamen eine neue Attraktivität und Frische. Dafür sorgten unter anderem Fotografen wie Harald Hoffmann oder das Cascara-Team.

Unterstützt wurden die Künstler durch Prime-Time-Konzertausstrahlungen bei ARD und ZDF. Anna Netrebko live vom Königsplatz in München, der Waldbühne in Berlin oder aus Salzburg. Anmoderiert von Harald Schmidt. Das war neu.

Nebenbei etablierten wir im Berliner Underground die Yellow Lounge. Vorbei an den klassischen Medien organisierten wir Nächte in Berliner Clubs und Diskotheken, die ein neues, junges Publikum anlockten.

Universal Music war über lange Zeit die einzige Firma, die „Core“-Klassik ernst nahm. Es lohnte sich: während im Popbereich die Umsätze schrumpften, konnten wir das Niveau halten bzw. sogar noch ausbauen. Zumindest in Deutschland.

Leider gab es dann jedoch einen Kahlschlag bei Universal: die Firma „Decca“ wurde Anfang 2009 dramatisch personell gestutzt und es ging längere Zeit ohne Strategie und Perspektive weiter. Kompetente Mitarbeiter und erfolgreiche Künstler wanderten ab.  Ohne dass wir es gleich gemerkt hätten, war dieses drastische firmeninterne Signal eine Art Sollbruchstelle – trotz der erfreulichen Zahlen und ewigen Lippenbekenntnisse zum kulturellen Wert der Klassik stand das gesamte Genre nicht mehr im Fokus des globalen Top-Managements.

Mittlerweile hatte auch SONY das Potential der „Core“-Klassik erkannt und baute den internationalen Klassikbereich aus. Lang Lang und Jonas Kaufmann wechselten das Label, ebenso wie der eine oder andere Universal-Kollege. Es herrschte eine gepflegte Aufbruchsstimmung.

Erstaunlichweise hat sich seitdem nicht mehr viel getan. Das Rezept lautet: Nimm beliebtes Standardrepertoire, nimm einen gutaussehenden Künstler, der möglichst pflegeleicht ist und am besten noch ein paar Namen von Popkünstlern kennt. Selbstverständlich spielen alle Künstler auf hohem Niveau. Das funktionierte 2005, weil es neu und frisch war. Nur irgendwann reicht es auch dem treuesten Kunden. Folge: die Umsätze sinken (SONY verzeichnet noch steigende Umsätze, da sie erst seit relativ kurzer Zeit die Klassik neu angepackt haben und sich die Anschub-Investitionen bezahlt machen). Die Antwort auf den Umsatzrückgang wird verstärkt in Crossover-Projekten gesucht. Das hilft nur leider nicht dem Core-Klassik-Markt.

Es stellt sich also die Frage, ob die klassische Musik im Tonträgermarkt überhaupt noch eine Zukunft hat? Ich glaube ja! Es müssen dafür neue Grundvorrausetzungen geschaffen und vorhandene Ansätze gefördert werden, um dieses Ziel zu erreichen.

Im Mittelpunkt steht die Generierung und Förderung von zeitgenössischen Komponisten. Sie sind verantwortlich für neue Inhalte. Sie sorgen dafür, dass klassische Musik eine neue Aktualität erfährt. Das war vor 300, 200 und 100 Jahren so und das muss auch so bleiben. Denn gute Komponisten spiegeln die Einflüsse ihrer Zeit in der Musik wieder. Dadurch wird klassische Musik authentisch, lebendig, zeitgemäß.

Es gibt erste Anzeichen dafür, dass zeitgenössische Klassik auch hierzulande mehr Aufmerksamkeit erfährt. Komponisten wie Arvo Pärt, Fazil Say, Moritz Eggert, Jörg Widmann, Eric Whitacre oder Ludovico Einaudi erreichen zunehmend ein größeres Publikum. Ein klassisch geschulter Grenzgänger wie Sven Helbig erfährt mit seinem Album „Pocket Symphonies“ (mit Fauré Quartett, MDR Sinfonieorchester & Kristjan Järvi) sowohl national wie auch international große Aufmerksamkeit und Anerkennung. Dank der Initiative von Labels wie ECM, Wergo, Erased Tapes oder FatCat-Records erhalten junge Komponisten die Möglichkeit, ihre neuen Werke  zu veröffentlichen.

Auch die Neubearbeitung von traditionellem Repertoire gibt dem Markt spannende Impulse. Wir haben das zuletzt bei der Deutschen Grammophon mit der „Recomposed“-Serie initiiert: herausragende Künstler aus unterschiedlichen Genres nehmen sich alter – oft populärer  – Werke an. Max Richters Bearbeitung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ entwickelt sich gerade zu einem neuen internationalem Publikumsmagneten. Auch die großartigen Veröffentlichungen von Cecilia Bartoli, Christina Pluhar oder von der Band „Spark“ zeigen, wie frisch alte Werke plötzlich wieder klingen können.

Die Musiker sollten verstärkt dazu ermutigt werden, ihre bekannten Pfade von Zeit zu Zeit zu verlassen. Das können Kollaborationen sein, die man auf den ersten Blick nicht erwartet. Jan Garbarek und das Hilliard Ensemble; Michael Wollny und Tamar Halperin; Hilary Hahn und Hauschka; Wynton Marsalis und die Berliner Philharmoniker, Sting mit Edin Karamazov oder Albrecht Mayer mit den King’s Singers sind einige Beispiele. Es können aber auch unerwartete musikalische  Konzepte sein, wie bei Lang Lang’s „Dragon Songs“-Album oder dem Jazz-Album von Thomas Quasthoff.

In allen Fällen profitiert der Künstler davon. Er macht neue Erfahrungen und kann sie in seine zukünftige Arbeit miteinfließen lassen. Der interessierte Zuhörer bleibt neugierig. Und der Dialog mit dem Standardwerk erhält neue Perspektiven.

Mit großem Interesse verfolge ich die Karrieren von Musikern, die an außergewöhnlicher Bühnenpräsenz und an überraschenden Programmen arbeiten. Bei Francesco Tristano gleicht kein Konzert dem anderen: mal beginnt er ein Konzert mit einem Techno-Song, der in eine Buxtehude-Komposition übergeht und am Ende in einer elektronischen Improvisation endet, mal tritt er mit dem Jazz-Vibraphonisten Pascal Schumacher auf, am nächsten Tag performt er mit einem großen Symphonieorchester ein Messiaen-Werk, um kurz darauf auf einem Electronic-Festival mit Moritz von Oswald auf der Bühne zu stehen.  Auch Cameron Carpenter oder der deutsche Komponist Helge Burggrabe geben dem klassischen Konzert eine neue Leichtigkeit, die dem Zuhörer ermöglicht, sich ganz auf die Musik und den Künstler einzulassen.

Es gibt also erste Ansätze für die Neuorientierung im Klassikmarkt. Doch noch immer überwiegen Zweifel, Ängste und das Beharren auf dem Althergebrachten: es hat ja lange genug funktioniert und das Geld fließt noch. Nur die Frage wird unüberhörbar lauter: wie lange geht das noch so weiter?

Um die Zukunft zu sichern, müssen sich jetzt alle Verantwortlichen an einen Tisch setzen und neue Strategien entwickeln.  Die Verantwortlichen sind: Konzertagenten, Veranstalter, Festivalintendanten, Musikverleger, Tonträgerfirmen,  Journalisten, Künstlermanager und auch die Künstler selbst. Sie brauchen Mut, Risikobereitschaft und Offenheit.

Es wird neue Allianzen, Geschäftsmodelle und Auswertungsformen geben. Die Tonträgerfirmen haben längst Live- und Event-Units ins Leben gerufen und managen ihre Künstler im eigenen Haus; Live-Veranstalter veröffentlichen Tonträger; Orchester bieten ihre Konzerte über eigene Streamingportale an und Opernhäuser übertragen live in Kinos weltweit.  Die Möglichkeiten, klassische Musik an eine interessierte Klientel zu bringen, sind vielseitig. Jetzt gilt es, spannende und aufregende Inhalte zu schaffen. Und dafür die passenden, zeitgemäßen Strukturen zu bauen.

4 Kommentare

  1. Rainer Haarmann am

    Lieber Christian,

    Deine Geschichten, Erinnerungen, Artikel, Beschreibungen von Zeiten, Stimmungen, Ereignissen und Zusammenhängen sind eine wunderbare, höchst willkommene und häufig notwendige Bereicherung für mich und sicher / hoffentliche viele und immer mehr Leser.

    Die Worte zu Jazzthing sind eine Würdigung besonderer Verlegerleistung von Axel, die ich mit größter Freude verschlungen habe – im Jubiläumsheft und nun nebst Ergänzungen hier. Warum aber landete genau dieser Beitrag im Spam (und der Text war aud Deinem eigentlichen Mail gelöscht)? SO WICHTIG (und gefährlich) sind doch Texte zur Musik nun auch nicht…..

    Mach weiter so!!! Das wünscht sich von Herzen

    Rainer Haarmann

    http://www.editionlongplay.com

    Wann kommt der nächste Beitrag?

  2. Raphael Junker am

    Lieber Christian,

    Ich möchte dir gratulieren und danken fuer deine hervorragend geschriebenen Geschichten die ich mit grossem Interesse lese.
    Diese Geschichte hat mich besonders interessiert.
    Herrzliche Grüsse

    Raphael Junker

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