POPPER ENDE 40. DAS GROSSE ZIMMERMÄNNER COMEBACK


Dresden. 12. Mai 2007. STAR CLUB. Letztes Konzert der Tournee. Ein zahlender Gast. Einsam saß das blonde Mädchen auf dem Barhocker. Sie kannte uns nicht. Kam sie vielleicht, weil sie in den Barkeeper verliebt war? Auf der Gästeliste: ein Journalist. Extra aus Berlin angereist. Wäre er doch bloß tags zuvor ins Lido in Kreuzberg gekommen! Der Laden war voll. Die Stimmung war toll. Wir gaben alles. Aber er war verhindert. Und nun Dresden. Ausgerechnet diese Location ist mit Abstand die größte auf der Tour. Die Ankündigung des STAR CLUB-Flyers: “Die Zimmermänner sind Timo Blunck (Palais Schaumburg) und Detlef Diederichsen. Mit dabei Christian Kellersmann (Chef von Universal Classics & Jazz). Bei Alfred. 12.05.!“ Diese Argumente mobilisierten offensichtlich die Dresdner Musikfans nicht….

Was hatten wir auch im Tal der Ahnungslosen zu suchen? 25 Jahre waren wir nicht mehr auf Tournee gewesen. Damals interessierte sich niemand für uns in der DDR. Vermutlich war der Veranstalter geblendet von dem überwältigenden Presseecho des Albums „Fortpflanzungssupermarkt“. Zu recht. Timo und Detlef hatten viele Jahre an neuen großartigen Songs gearbeitet.  Wer schreibt sonst Zeilen wie „Du bist März und ich September und dein Mai ist mein November“, „Warum schmust du nicht mit meinem Gehirn“ oder „Warum ich meine Freundin so oft mit meiner Frau betrüge“?

Das Label war ein guter Absender. „Bei Alfred“ = Alfred Hilsberg. Zick Zack-Records. Dort erschien bereits die erste Zimmermänner-Single „Eva, Max und Jürgen“. 1982 dann das Album „1001 Wege Sex zu machen, ohne daran Spaß zu haben“. 2007 „Fortpflanzungssupermarkt.“ Alfred hatte uns immer unterstützt. Einmal zahlte er mir das Taxi vom Kir (dem ersten Kir in Poppenbüttel) ins Subito. Wir hatten dort einen Gig und ich war blank. An dem Abend verliebte ich mich in meine langjährige Freundin. Das kam einem dicken Scheck gleich.

Sonst gab es nur einmal Geld. 40 Mark für die erste Single. Das wars. Immerhin nahmen wir vier Singles und ein Album auf. Diverse Tracks landeten auf NDW- Compilations. Eine Abrechnung: Nö. Bei anderen Labels war es nicht anders. Auch bei unserem zweiten Album „Goethe“ beim Ata Tak-Label gab es keine Abrechnung und kein Geld.

Alfred übernahm bei dem neuen Album im Jahr 2007 die Pressung und die Promotion.  Die Produktion wurde aus einem Schadensersatzfall finanziert. In Japan hatte die Band „Denky Groove“ ohne Genehmigung den Track „Zitronenmama“ gesampelt. Deren Album verkaufte sechsstellig.  Die Schallplattenfirma SONY hatte verpasst, unser Einverständnis einzuholen. Ein Fall für Anwalt Andres Heyn.

Die Konzertdirektion Karsten Jahnke buchte die Tour. Handschlag zählt. Deutschlands ehrlichster, aufrichtigster und coolster Veranstalter. 11 Städte buchte er für uns: Frankfurt, Heidelberg, Schorndorf, Münster, Hamburg, Köln, München, Nürnberg, Berlin, Leipzig und Dresden.

Timo und Detlef stellten die Band zusammen. Am Schlagzeug: Michael Brenker, Keyboard: Philip Mitow, Bass: Niels Lorenz, Gitarre: Sebastian Lang, Gesang: Rica „Ede“ Blunck und ich. Eine Spitzen-Band. Von der ersten Probe bis zum letzten Auftritt höchstes Niveau. Anders als früher: da hangelten wir uns oft von Song zu Song durch. Die Kompositionen von Detlef und Timo waren zu anspruchsvoll für die damaligen Besetzungen.

Fünf Instrumente hatte ich im Gepäck: 3 Saxophone und 2 Querflöten. Ein hartes Stück Arbeit. Jedes Instrument beansprucht seine eigene Aufmerksamkeit. Tenor-Saxophon ist nicht gleich Bariton- oder Sopransax. Nach vielen Jahren Pause war es wie ein Neubeginn. Doch mein Gehör war in den letzten Jahren durch zig Konzerte und Alben sensibilisiert. Ich konnte plötzlich spielen.

Nun nach 17 Jahren Bürotätigkeit wieder Tourleben. Ein anderer Alltag. Leicht oder etwas schwerer verkatert wacht man morgens in einem bürgerlichen Hotel auf. Gegen 8.00 Uhr. Der erste Blick: off-white Rauhfasertapete und Gardine. Frühstück: abgestandenes Rührei, Pfirsich-Kompott aus dem Glas, Cappuccino aus dem Automaten. Abreise gegen 10.00Uhr. Wir fahren im Mercedes Benz Sprinter. Die Motorengeräusche sind zu laut, weshalb  Gespräche anstrengend sind. Man liest, döst, guckt aus dem Fenster oder hört Musik. Nach ca. 2 Stunden Fahrt Pause. Autobahnraststätte. Plötzliches Aufleben der Reisegruppe. Es wird geblödelt und kommentiert. Timo und Ewald  haben das Zeug für ein Comedy-Duo. Das war schon früher so: oft täuschten ihre scharfsinnigen, spontanen, manchmal bissigen und durchweg witzigen Ansagen über unsere musikalischen Schwächen hinweg.

Gegen Nachmittag erreichten wir die Spielstätten. Manchmal hatten wir etwas Zeit, durch die Stadt zu schlendern. Wenn wir bei einem Plattenhändler vorbeikamen, machten wir einen „Storecheck“. Stand das neue Album nicht im Laden, war – natürlich – der Vertrieb Schuld. Wie überhaupt schlechte Verkäufe von Alben immer an der Schallplattenfirma liegen! Endlich war ich mal nicht der Buhmann.

In jeder Stadt wurden wir mit offenen Armen empfangen. Egal, ob die Ticket Sales gut oder schlecht waren (sie waren nicht immer so doll: Break Even erreichten vielleicht gerade mal die Clubs in Hamburg und Berlin).  Überall trafen wir alte Fans und Freunde.  Das Personal half stets bereitwillig beim Entladen unseres Sprinters. Ein Imbiss stand bereit. Ich war beeindruckt, wie zuvorkommend, entspannt und freundlich Deutschland war. Ausnahme: Dresden. Der Roadie war muffig und unfreundlich. Ich war irritiert. Waren doch sonst die Dresdner die freundlichsten Menschen Deutschlands!

Rund zwei bis drei Stunden dauerte der Aufbau und Soundcheck. Im Anschluss daran: Abendessen. Durchweg einfallsreiche regionale Bio-Küche. Köstlich.

Das Energielevel war vom morgendlichen Aufstehen bis kurz vor stage-time auf „stand-by“. Während bei meiner Bürotätigkeit die Konzentration ab 10.00 Uhr für die nächsten 10 Stunden auf scharf geschaltet war, drehte sich der Tagesablauf nun um. Eine Stunde vor Beginn des Konzertes setzte der erste Adrenalinschub ein. Wie locker sind die Finger, wie ist der Saxophon-Ansatz, wie ist der Bühnensound, sitzt die Hose und die Frisur, habe ich das richtige Holzblatt für meine Saxophone, kommen Leute?

Doch bereits beim ersten Ton fiel sämtliche Nervosität ab. Die Rhythmusgruppe spielte so souverän, dass man gar nichts falsch machen konnte. Unser Programm war abwechslungsreich und setzte sich aus neuen und alten Songs zusammen.

Publikum und Musiker haben grundlegend unterschiedliche Wahrnehmungen. Das Publikum lässt den Tag mit einem Konzert ausklingen – der Musiker beginnt sein Tagwerk. Der Höreindruck im Saal hängt von den örtlichen Gegebenheiten ab: wie ist die Akustik im Saal? Bekommt der Mixer den Sound in Griff? Im besten Fall schafft er einen ausgewogenen Gesamtklang. Der Musiker wiederum hört sich über die Monitorbox. Die klingt müllig und blechern. Sie ist individuell auf die Bedürfnisse des Musikers eingestellt. Meistens hat der Schlagzeuger viel Bass auf seiner Box, der Sänger viel Keyboard und Gitarre. Bestimmte Instrumente wie das Schlagzeug dominieren die Lautstärke auf der Bühne, weshalb man sich manchmal überhaupt nicht hört.

Der Zuschauer hat Zeit und Muße, sich Gedanken über die gesamte Performance zu machen. Bei einem gepflegten Bierchen. Vielleicht ist er euphorisiert, vielleicht enttäuscht und gelangweilt über die Leistung eines einzelnen Musikers, die Band oder über die Repertoireauswahl, vielleicht genervt von der Freundin oder vom Publikum oder müde und abgespannt von einem anstrengenden Arbeitstag. Unterschiedliche Faktoren können den Gesamteindruck entscheidend beeinflussen und verzerren.

Nach dem Konzert stehen Freunde, Fans und Plattenfirma Schlange. Im Sekundentakt wird gratuliert, kommentiert und mit früheren Konzerten verglichen.

Nur in Dresden gratulierte uns keiner. Fast keiner. Außer dem Opening-Act: „Klotz & Dabeler“. Es war das letzte Mal, dass ich Almut Klotz sah. Sie verstarb im letzten Jahr an Krebs. Natürlich gaben wir auch in Dresden alles. Für den einen zahlenden Gast, die Bar-Crew, „Klotz & Gabeler“ und dem Journalisten aus Berlin. Die Hoffnung war, dass es sich vielleicht in Dresden rumspricht, wie großartig wir sind. Wie damals beim „Los Lobos“-Konzert in der Hamburger Markthalle: 30 Gäste fanden sich bei ihrer ersten Deutschland-Show ein. Doch „Los Lobos“ ignorierten diese Tatsache. Sie spielten 2 Stunden lang um ihr Leben. Beim nächsten Konzert war das Konzert Wochen im voraus ausverkauft.

Einer wollte mich noch dringend nach der Show sprechen: der Clubbesitzer. In meiner Funktion als Universal-Manager. Er klagte mir sein Leid: von einer großen Anwaltskanzlei erhielt er im Namen von Universal Music eine Abmahnung, dass er innerhalb von wenigen Wochen den Namen seines Ladens ändern müsse. Immerhin gab es den „Star Club“ Dresden seit 1991. Viele Künstler gastierten dort: Rammstein, Evan Dando, The Fall, James Chance, Jon Spencer Blues Explosion, Screaming Jay Hawkins, F.S.K, The Go-Betweens. Im Schreiben hieß es, dass Universal Music die Rechte am Namen „Star Club“ erworben hätte.  Alle 40 Clubs in Deutschland mit selbigem Namen müssten ihren Namen ändern. Ich war völlig überrascht und konnte mir das nicht vorstellen. Ich versprach ihm, mich darum zu kümmern.

Zurück im Berliner Büro startete ich eine hausinterne Recherche. Tatsächlich plante eine Unit im Hause einen großen Relaunch der „Star Club“-Marke. Dafür sah man diese juristische Maßnahme als zwingend notwendig an. Völlig unverständlich. Der „Star Club“ Dresden lebt unter dem  Namen „Beatpol“ weiter. Und von der „Star Club“-Offensive bei Universal Music habe ich bis heute nichts gehört. Willkommen zurück im Büro.

PS. Und gerade frisch kommt die Meldung ins Haus, dass Detlef und Timo an einem neuen Album arbeiten.

3 Kommentare

  1. Lutz Nedel am

    Also, ich habe seinerzeit „Die Zimmermänner“ im Lido in Berlin erlebt… Ein absolutes Highlight in fast 40 Jahren vor und hinter (niemals auf) der Bühne… Blow, Kelly, blow!!

  2. Wilhelm am

    Schöner Bericht, Ewald wird doch hoffentlich nicht seinen lange gehegten Traum einer LP mit Gentile Giant-Coverversionen umsetzen? Verwirrt genug wirkte er ja schon immer.

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