Mit beleidigten Grüßen: Joachim-Ernst Berendt

Am 12. März 2014 wird zum dritten Mal der Joachim-Ernst-Berendt Ehrenpreis der Stadt Baden-Baden verliehen. Initiiert wurde er von Marc Marshall, der durch das Duo Marshall & Alexander bundesweit bekannt wurde. Showbiz-Luft schnupperte der kleine Marc bereits durch seinen Vater Tony „Schöne Maid“ Marshall.  Dem deutschen  Schlagersänger mit der vielleicht besten Minipli-Frisur in den 70er Jahren.

Marc und ich hatten uns im Laufe des Jahres 2011 häufiger getroffen. Wir wollten „Marshall & Alexander“ für Universal Music unter Vertrag nehmen. Mit ihrer gehobenen Unterhaltungsmusik hätten sie gut in unser Portfolio gepasst. Über 6 Monate verhandelten wir. Wir diskutierten über Inhalte, Finanzen und wieder über Inhalte. Und Finanzen. Schließlich einigten wir uns. Der Vertrag lag zur Unterschrift vor. Wenige Stunden vor der Unterzeichnung rief Marc mich an und wollte mich dringend treffen. „Oh nee“, dachte ich, „jetzt bitte nicht noch an den Vorschüssen oder Verpackungsabzügen rumschrauben.“ Ein beliebtes Spielchen: auf den letzten Verhandlungsmetern kommen manche Künstler und Anwälte mit Sonderwünschen um die Ecke. Doch dieses Mal lag der Fall anders: Marc und Jay Alexander hatten überraschend beschlossen, sich zu trennen. Viele Reisen, Meetings und ausgiebige Abendessen mit ordentlich Spesen lösten sich in Luft auf.

Doch hatten die Treffen eine gute Seite: ich lernte Marc näher kennen. Ein Entertainer der alten Schule. Halstuch, Jackett, gegeltes Haar. Charmant, aufmerksam, interessiert. Durch und durch Gentleman. In allen musikalischen Gewässern zu Hause. Und er ist überzeugter Baden Badener. Deutschlands schönster und mondänster Kurort. Hier leben und lebten auch der legendäre brasilianische Bossa Nova-Gitarrist Baden Powell, der Komponist und Dirigent Pierre Boulez, der ehemalige musikalische Direktor des Scala-Theaters Berlin, Otto Stenzel – und natürlich Joachim-Ernst Berendt

Marc Marshall’s musikalische Liebe gilt dem Jazz. Er initiierte in Baden-Baden bereits viele Jazz-Konzerte und ein Jazzfestival. Also engagierte er sich beim Baden-Badener Oberbürgermeister, den Joachim-Ernst-Berendt-Preis ins Leben zu rufen.

Joachim-Ernst Berendt ist die Schlüsselfigur des deutschen Jazz in den 50er, 60er und 70er Jahren. Kurz nach dem Krieg hatte er den Südwestfunks (SWF) mitgegründet. 40 Jahre war er dort Jazzredakteur. Er produzierte unzählige Rundfunk- und Schallplattenproduktionen, unter anderem für den SWF und das MPS-Label. Er initiierte und leitete die „Berliner Jazztage“ – die Mutter aller deutschen Jazzfestivals. Internationale Berühmtheit erlangte er mit dem „Jazzbuch“, das in 16 Sprachen übersetzt wurde und über 2 Millionen Exemplare verkaufte. Seinen Lebensmittelpunkt hatte Berendt stets in Baden Baden. Deshalb gab es bezüglich der Marc Marshall-Idee auch keine lange Diskussion im Stadtrat: einstimmig wurde der Ehrenpreis abgenickt.

2010 gab es die erste Verleihung. In Brenners Parkhotel. Der Preisträger: Klaus Doldinger. Anwesend waren u.a. Berendts Witwe, der gesamte Stadtrat in bester Eintracht, der Jazzpianist und -komponist Wolfgang Dauner, der Leiter des Jazzinstitut Darmstadt Wolfram Knauer und die Produzentenlegende Harold Faltermeyer, der die Laudatio auf Doldinger hielt. Marc hatte mich freundlicherweise gebeten, ein paar würdigende Worte über Joachim-Ernst Berendt zu sagen. Ehrensache. Nur war ich die richtige Wahl?

Persönlich hatte ich Berendt nie kennengelernt. Wir hatten nur diverse Korrespondenzen und Telefonate, die jedoch nicht immer von Harmonie geprägt waren.Das erste Mal sprachen wir 1987. Ich steckte mitten in der Recherche für meine Magisterarbeit „Jazz im III.Reich“. Berendt hatte sehr wenig zu diesem Themenkomplex publiziert. Eine Ausnahme: der Aufsatz „Der Jazz als Indiz“ (erschienen in seinem Buch „Ein Fenster aus Jazz“). Darin enthalten: einige interessante Fakten, die jedoch leider ohne Quellenangaben waren. Deshalb rief ich ihn an, stellte mich kurz vor und fragte höflich, ob er mir die fehlenden Informationen zur Verfügung stellen könnte. Seine Antwort war kurz und knapp: “Nein.“ Dann legte er auf. Ich war perplex. Und beleidigt.

Drei Jahre später trat ich den Job als Jazz-Produktmanager bei Polygram an. Einer der ersten Briefe, die mich erreichten, war ein mehrseitiger „Bestellzettel“ der Polygram Jazz-Neuheiten. Von Berendt. Er wollte mit sämtlichen Neuheiten „bemustert“ werden. Also auch sämtliche Wiederveröffentlichungen auf CD. Das war überraschend, da Berendt sich aus seiner journalistischen Arbeit fast vollständig zurückgezogen hatte. Seine Arbeit konzentrierte sich zu der Zeit auf esoterische Aufsätze. Bei Esoterik-Festivals hielt er Vorträge und leitete Workshops. Ich erlaubte mir deshalb die Frage, ob er mir die Sendeprotokolle seiner Radiosendungen zukommen lassen könne. Daraufhin war er beleidigt.

Unsere Korrespondenz wurde Anfang 1992 fortgesetzt. In einem langen Brief wies er mich auf die Schätze des MPS-Kataloges hin. MPS (= Musikproduktion Schwarzwald) war in den 60er und 70er Jahren das führende deutsche Jazzlabel. Es wurde finanziert vom SABA-Erben Hans-Georg Brunner Schwer, der das gesamte Erbe für seine Jazz- und Maybach-Leidenschaft „verjubelte“. Wie schön, dass es Menschen gab und noch immer gibt, die ihr Vermögen in Musik und Kultur stecken!

Berendt war – neben Hans Georg Brunner-Schwer selbst – der wichtigste Produzent bei MPS. Während Brunner Schwer seine Arbeit vor allem auf Mainstream-Jazz-Pianisten wie Oscar Peterson und Monty Alexander oder das großartige Vokal-Quartett „Singers Unlimited“ fokussierte, widmete sich Berendt den neuen Strömungen im Jazz. So brachte er Jazzer mit „Weltmusikern“ zusammen; wie John Handy und Ali Akhbar Khan. Er produzierte Alben von Albert Mangelsdorff (u.a. mit Jaco Pastorius), arbeitete mit Baden Powell an diversen Produktionen oder veröffentlichte die Aufnahmen von Archie Shepp in Donaueschingen. Berendt initiierte vieles und liess es auch gerne alle wissen. Joachim Kühn sagte mir kürzlich: „Ich mochte Berendt, weil er uns machen liess. Bei meinem ersten MPS-Album war er nicht mal dabei, aber er hatte einen dicken Producer-Credit.“

Bei Universal Jazz war unsere erste MPS-Wiederveröffentlichung Ende 1992 jedoch die Neuauflage der sechs Oscar Peterson-Alben „Exclusively For My Friends“. Produziert von Brunner-Schwer. Neu gemastert, in einer 4-CD-Box, mit Prägedruck und ausführlichen Liner-Notes. Berendt war nicht begeistert. Er schrieb mir: „Ich glaube, Sie verstehen, das ist nicht das, was ich seinerzeit anregen wollte. Oscar Peterson kann jedem einfallen und natürlich sind die MPS-Aufnahmen von ihm die technisch brillantesten, aber musikalisch gesehen (das meine nicht nur ich, sondern die meisten Kritiker) sind nun einmal die Norman Granz-Produktionen mit ihm besser und vor allem: der Markt ist voll, übervoll von Oscar Peterson-Platten….Ich habe ein wenig Angst, daß Sie, wenn Sie mit Oscar Peterson anfangen, vielleicht mit Ella Fitzgerald und all dem anderen Offensichtlichen weitermachen. Der Jazzmarkt ist nie ein Markt des Offensichtlichen gewesen und wer diesen Weg zu gehen versucht, verpaßt ihn haarscharf.“

Zumindest in einem Punkt konnten wir Berendt widerlegen: die Oscar Peterson-Box war die erfolgreichste Wiederveröffentlichung vom MPS-Label. Es gab also doch noch etwas Platz auf dem Markt. Die erste Auflage war innerhalb weniger Tage ausverkauft. Der Konsument hatte lange darauf gewartet.

Es folgten danach viele Berendt-Produktionen, die wir erstmalig auf CD veröffentlichten. Einige verkauften, andere blieben Ladenhüter. Eine seiner spannendsten Produktionen hatte Berendt in seiner Korrespondenz verschwiegen: das Sun Ra-Album „It’s After The End Of The World“ auf dem MPS-Label. Es handelte sich dabei um einen Zusammenschnitt von zwei Sun Ra-Konzerten aus dem Jahre 1970 in Donaueschingen und Berlin. Sun Ra hatte zwei Stunden in Berlin und drei Stunden in Donaueschingen gespielt. Die MPS-Veröffentlichung von Berendt war gerade mal eine einfache LP. Da es sich aber um Rundfunkaufnahmen gehandelt hatte, musste es noch weiteres Material geben. Also begab ich mich auf die Suche. Immerhin fanden wir 127 Minuten Musik– der Rest war in den öffentlich-rechtlichen Archiven verschütt gegangen.

Die Arbeit an diesem Album erwies sich als große Herausforderung. Es lagen unterschiedliche Verträge vor, die geklärt werden mussten. Die Rundfunkbänder waren nur sehr unvollständig beschriftet. Und Berendt hatte aus den 5-Stunden Musik ein komplett neues Werk geschnitten. Ein ziemliches Durcheinander.

Mehrere Jahre und Mitarbeiter später stellte Fabian Kerner mit Hilfe des Sun Ra-Diskografen Hartmut Geehrken schließlich die Doppel-CD „Black Myth/Out in Space“ fertig. Berendt war nicht begeistert. Warum, hat er mir nicht verraten.

Ein kleiner Tipp am Rande für alle Sun Ra-Interessierten: im letzten Jahr spielte „Jerry Dammers‘ Spatial A.K.A. Orchestra“ im Haus der Kulturen der Welt. Dammers, der ehemalige Kopf der UK-Band „The Specials“ versammelt bei diesem Projekt 24 großartige britische Musiker um sich. In einem über 3 Stunden dauernden Set performten sie Titel von Sun Ra, The Specials bis hin zu Kompositionen von Peter Thomas und Martin Denny.

Im Laufe der Jahre intensivierte sich die Korrespondenz zwischen Joachim-Ernst Berendt und mir. Der Kontakt wurde herzlicher, wir vereinbarten ein Treffen. Er schlug vor, ein 4-CD-Set aus seinen alten Produktionen zu veröffentlichen. Seine musikalische Autobiografie. Der Titel: „Sounds Of My Life“. Leider kam es nicht mehr dazu: Berendt wurde in Hamburg auf dem Weg zu einer Lesung von einem Auto erfasst und starb kurze Zeit danach. Er wurde 77 Jahre alt.

Berendt war extrem vielschichtig und oft sehr streitbar. Mit seiner Arbeit setzte er wichtige kulturelle Akzente. Deutschland war nach dem Krieg noch nicht bereit für den Jazz gewesen. Und schon gar nicht für seine experimentellen Formen. Berendts mutige Festivalprogramme forderten und spalteten das Publikum. Etwas, was es heute kaum noch gibt. Menschen wie er sorgten dafür, dass sich in Deutschland nach dem Dritten Reich langsam wieder eine kulturelle Substanz entwickelte. Ich beendete meine kleine Laudatio in Baden-Baden mit einem kleinen Dank: „Danke Joachim-Ernst Berendt für das große musikalische Erbe. Danke auch dafür, daß durch seine Arbeit das kulturelle Leben in Deutschland ein neues Niveau erreicht hat und dass Offenheit und Toleranz ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft geworden sind. Dieses geistige Erbe gilt es, immer wieder am Leben zu erhalten.“

 

 

Anbei ein Clip von Jerry Dammers‘ Spatial A.K.A Orchestra aus der Jools Holland-Show:

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11 Kommentare

  1. Tommy Richter am

    Großartig – danke Kelly! Hatte mir gerade die von Berendt produzierte und wiederveröffentlichte Scheibe „Maxwell Street“ von der Dänischen Kapelle „Maxwells“ besorgt. Was ’ne Mucke.
    LG, Tommy

  2. Paul Frielinghaus am

    Danke, Christian, wieder ein toller Beitrag.
    Die Joachim-Behrendt-Tat, die mein Leben geprägt hat, war die MPS-Produktion
    TRISTEZA ON GUITAR mit dem großartigen BADEN POWELL.
    Aufgenommen in Rio, gemischt im Schwarzwald. Bis heute ein Hammer.

    Lembranças de Berlim
    Paul

  3. Wolfgang Schulz am

    Das für mich größte Werk von J. E. Behrendt, ist die Zusammenstellung der Texte und der Musik für die LP „Gottfried Benn – Jazz und Lyrik“ (1960).
    Immer wieder gerne gehört.

    „Es gibt Melodien und Lieder,
    die bestimmte Rhythmen betreun,
    die schlagen dein Inneres nieder
    und du bist am Boden bis neun.“

  4. Franz Aumüller am

    Schade daß wir es nicht geschafft haben sin letztes Werk die „Planetentöne“ gebührend zu veröffentlichen. Es ist sein Vermächtnis.

  5. Thiemo Bruell am

    Als J.E.Behrendt in den 70ern noch viel schrieb, nahm ich vor allem indirekt viel Notiz von ihm, las eher sporadisch seine Texte und verfolgte nur gelegentlich seine Radiosendungen. Dafür hörte ich umso mehr Jazz, angefeuert von meinem Cousin, der im Frankfurt der frühen 70er mit Leuten wie Heiner Goebbels und Christof Lauer zusammen spielte, die später sehr prominent in der deutschen Jazz Szene wurden. Aber sie alle sahen damals ihre Musik durch Behrendt wertgeschätzt, der auch kompromisslosen Free Jazz in die gebildeten, gutbürgerlichen Haushalte zu vermitteln wusste. Damals war die Erscheinung des dort gerne anzutreffenden, Pfeife rauchenden, existenzialistisch denkenden Mannes mit Rollkragenpullover und lässig darüber gestreifter Lederjacke oder Cord Sacco noch ein verbreiteter Archetypus, der für mich auch in meiner Vorstellung über die Person J.E.Behrendts eine solche Gestalt annahm. Der zitierte Esoterik-Trip in Behrendts späten Jahren hat mich allerdings sehr irritiert, als ich erstmals, wenn meine Erinnerung stimmt, über Diedrich Diederichsen in der „Spex“ mit einem Unterton des Entsetzens darüber erfuhr. Das Interessante an beruflichen Lebensläufen, wie Du selbst sie durchlebt hast und sicher noch weiter durchleben wirst, sind aber vor allem die Begegnungen mit Persönlichkeiten dieses Schlages mitten im echten Leben. Es macht sehr viel Spaß darüber zu lesen und es ist großartig, dass Du die Gunst der Zeit gerade nutzt und viele Deiner Erinnerungen und Erfahrungen hier für uns fest hältst. Mach weiter so, Christian, ich bin gespannt was als nächstes kommt – unterschiedlichsten, aber stets guten Stoff hast Du ja reichlich zu bieten und ich bin jedes Mal wieder gerne dabei!

    Herzliche Grüße aus München – Thiemo

  6. marc marshall am

    lieber christian, toller diary betrag. am kommenden mittwoch bekommt till brönner den award. im letzten Jahr konnten wir paul kuhn damit auszeichnen. schade, dass du nicht da bist. wird zeit dass wir uns mal wieder intensiv austauschen. liebe grüße nach rio aus baden-baden, marc
    ps: du warst die richtige wahl….

  7. Thomas W. am

    Lieber Christian, vielen Dank für Deinen neuen tollen Beitrag! Schön zu sehen, dass Du trotz der Strandnähe in Rio nicht versandest. Es ist für alle Leser erfrischend und gewinnbringend, dass Du Deine Atempause nutzt, Deinen reichhaltigen Erfahrungsschatz auszubreiten. Interessantes, spannendes, fettes Leben. Weiter so, wir warten auf Deine nächste Geschichte und auf Dich! Grüße aus Berlin, Thomas

  8. Jürgen Schwab am

    Ich hab den Text mit Vergnügen gelesen, bis diese bewusste Stelle kam: Wie kann man denn, bitteschön, als kenntnisreicher Insider die Berliner Jazztage zur Mutter aller deutschen Jazzfestivals erklären? Das Deutsche Jazzfestival Frankfurt ist 11 Jahre älter!

    Beleidigte Grüße aus Frankfurt ;-)
    Jürgen Schwab

  9. Michael Rüsenberg am

    „Deutschland war nach dem Krieg noch nicht bereit für den Jazz gewesen.“
    Kelly, Kelly, diese Aussage ist so wenig stichhaltig wie die, die Nazis hätten das deutsche Volkslied runiert. Zur ersten wäre der verstorbene Dietrich Schulz-Köhn ganz anderer Auffassung gewesen, und zu recht. Dass JEB so wirken konnte, zeigt im Gegenteil, dass „Deutschland“ nach Jazz gierte.
    Michael Rüsenberg, Köln

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