Der Pionier im Technomarkt

Im zweiten Stock befindet sich seit vielen Jahren das ECM-Büro.

9.7. 2013. München. Das Keith Jarrett-Trio gastiert erstmals seit 12 Jahren  in der Philharmonie und ECM-Chef Manfred Eicher feiert seinen 70. Geburtstag.

Das Konzert war kurz. Das Trio spielte einen 60-minütigen Set und legte noch drei schnelle Zugaben nach. Es war keine Zeit zu verlieren: der Privatjet stand bereit, um nach Nizza zu fliegen. Dort hat Jarrett seine „base“, besser: seine gewohnte Hotel-Matratze, wenn er in Europa gastiert. In München bekam er an diesem Abend keine Fluggenehmigung, deshalb musste das Trio noch nach Ingolstadt chauffiert werden.

Somit konnte der gesellige Teil des Abends frühzeitig beginnen. Viele langjährige ECM-Künstler, wie etwa Arvo Pärt oder Anouar Brahem, viele Freunde, Geschäftspartner und ein paar Journalisten liessen Manfred Eicher hochleben.

Meine Generation kam an ECM nicht vorbei. Ich hörte 1976 das erste Mal von ECM. Gemeinsam mit meinem Freund Jens Kraft fuhr ich für drei Wochen in ein evangelisches Sommercamp in Schweden. Keine Ahnung, welcher Teufel uns geritten hatte: Kraft war bekennender Anti-Christ und ich war katholisch. Aber wir hatten eine gute Zeit: Kraft – langhaarig, frech,  schlank – machte  das einzig scharfe Jeans-Girl klar. Ich – dick, pickelig, verklemmt (aber „süss“!) – freundete mich mit Rainer Patz an. Rainer – schlaksig, glatte, lange  Haare – war ECM-Fan. Er führte mich ein in die Welt von Keith Jarrett, Jan Garbarek, Palle Danielson und Jon Christensen.

Rainer wohnte in Ahrensburg und hatte ein Tonbandgerät. Stundenlang hörte ich mir die Musik und seine Analysen über die Musiker und das ECM-Artwork an. Weitere Requisiten waren Räucherstäbchen, Hermann-Hesse-Bücher, literweise Tee. Dazu Gespräche über Gott.

Zurück in Hamburg ging die Suche weiter. Im Onkel Pö in Hamburg-Eppendorf gastierten regelmäßig ECM-Künstler. In der Hamburger Musikhalle gab es sogar an zwei Abenden ein eigenes ECM-Festival. Einmal war ich dort. Es spielten Jan Garbarek, Oregon und Ralph Towner.

Doch irgendwann war Schluss mit ECM. Westcoast, Country, Soul, Disco und New Wave waren aufregender und eroberten meinen Philips-Cassettenrekorder. Ich verlor Rainer und sein Lieblingslabel aus den Augen. Google-Search teilt mir heute mit: Rainer Patz ist  Pastor in Quickborn. Das muss er sein!

In den folgenden 13 Jahren hörte ich wenig Jazz. James Chance, Bossa Nova, Earth, Wind & Fire und Grateful Dead waren die Ausnahmen. Erst meine wissenschaftliche Tätigkeit über den „Jazz im III. Reich“ führte mich wieder an den Jazz heran.

Nach meinem Studium bot Tim Renner mir den Job als Jazz-Produktmanager an. Zwei Label sollten modern vermarktet werden. Verve und ECM. Verve Records war cool.  Aber ECM? Ich stockte. Plötzlich stand ich wieder auf dem Schulhof. Meine Schulhofliebe erwiderte zufällig meinen Blick. Die Röte schoss mir ins Gesicht. Ich schmeckte die vielen einsamen, grübelnden  Nächte. Wollte ich das?

Ich riskierte einen Blick in den Katalog. Kaum ein Album kannte ich. Noch immer war die Musik  fragil, zart, weiss, kühl und distanziert. Doch ich hörte sie mit anderen Ohren. Es waren viele neue Facetten, neue Künstler, neue Komponisten hinzugekommen. Darunter Arvo Pärt, Steve Reich und Charles Lloyd.  ECM hatte sich weiterentwickelt.

Lloyd war der erste ECM-Künstler, den ich traf. Er war in den 60er Jahren ein Pop-Star gewesen, der Jazz spielte. Mit seinem Quartett feat. Keith Jarrett und Jack DeJohnette verkaufte er Millionen von Schallplatten.  Außerdem gehörte er zum Ensemble der Beach Boys-Studiomusiker. Eine Art Heiligsprechung. Doch er nahm zu viele Drogen und pausierte viele Jahre. 1983 tauchte er dann wieder auf. Kurz danach war er ECM-Künstler.

Er spielte mit seinem neuen Quartett in Oldenburg, in der Haupthalle der Oldenburgischen Landesbank. Lloyd hatte Verwandte, die bei der Landesbank arbeiteten und das Konzert ausrichteten. Tagsüber ging das Geld über den Schaltertresen. Abends spielte Lloyd dort. Absurd.   Doch die Band, die Kompositionen und das Timbre von Lloyds Saxophon- und Flötenspiel machten aus der Schalterhalle eine Art norddeutsche Carnegie Hall.

Heino Freiberg war der ECM-Abgesandte bei diesem Konzert. Er war der erste Mitarbeiter, den ich von ECM kennenlernte. Heino arbeitet für die Firma ECM Export, deren Geschäftsführer wiederum Karl Egger ist. Egger gründete 1969 gemeinsam mit Manfred Eicher die Firma ECM. Egger übernahm  die geschäftliche, Eicher die künstlerische Leitung. Obwohl Karl Egger als Geschäftsführer bei ECM Export (ohne Eicher) und bei ECM Records (mit Eicher) genannt ist, habe ich ihn in den letzten 23 Jahren nicht einmal gesehen oder gesprochen. Alle geschäftlichen Entscheidungen wurden und werden von Manfred Eicher getroffen. In enger Zusammenarbeit mit Heino Freiberg. Karl Egger verbringt die meiste Zeit auf seinem Öko-Bauernhof „La Selva“ in der Toskana. Ein großes „La Selva“- Sortiment findet man bundesweit in jedem Öko-Markt. Es gibt auf dem Bauernhof Ferienwohnungen zu mieten. Ein Reisetipp.

Kurze Zeit später traten Tim Renner und ich unseren Antrittsbesuch bei ECM in München an. Bevor wir zu ECM gingen, machten wir einen „Store-Check“  im Kaufhaus Beck am Rathauseck in München. Ich liebe Store-Checks. Egal ob kleiner oder großer Laden, 1st-, 2nd- oder 3rd-Hand-Shop – ich finde immer einen Leckerbissen, der noch in meiner Sammlung fehlt.

Beck ist eine Institution in München. Auf 4 Stockwerken werden Textilien verkauft und auf der  fünften Etage gibt es eine exquisite Klassik- und Jazz-Tonträgerabteilung. 1990 wurde die Jazzabteilung geleitet von Manfred Scheffner. Er arbeitete in den 70er Jahren noch mit Manfred Eicher zusammen und betrieb den Jazz-Mail-Order-Versand „Jazz by Post“. Scheffner war ein Unicum: er bediente das modebewußte Münchner Publikum in  abgetragenen T-Shirts und Jeans, dazu Klapperlatschen, die bestens zu seinem Franz-Joseph-Bart und zauseligen Haaren passten. Es gab keine Jazz-Produktion, die Scheffner nicht kannte. Als wir uns bei ihm vorstellten, schaute er uns herablassend an und dachte: „Schon wieder so junge Burschen von einem Major-Unternehmen, die mir erklären wollen, wie man Jazz verkauft…“  Es brauchte einige Zeit, bis ich das Vertrauen von Scheffner gewann.

Danach gingen wir weiter zu ECM. Ich erwartete ein repräsentatives Stadtbüro. Doch nichts dergleichen. Wir fuhren raus aus München nach Gräfelfing. Der Taxifahrer setzte uns an einem 70er Jahre Zweckbau ab, der im Erdgeschoss von einem großen Elektromarkt dominiert wurde. Um in das ECM-Büro zu gelangen, mussten wir durch den Elektromarkt gehen. Auch hier gab es CDs: lieblos als Paletten-Ware gestapelt, von schlechtgelauntem Personal bewacht. Hier machte der Store-Check keinen Spaß. Wir erreichten das Treppenhaus. Im zweiten Stock war das ECM-Büro. Die Tür  war geöffnet und für jedermann zugänglich. Wir traten ein und standen eine Weile ratlos im Flur. Keiner schien uns zu erwarten.

Es war ein drückend-heißer Münchener Sommertag. Biergartenstimmung. Doch nicht bei ECM. Die Atmosphäre in den Büros war angespannt. Elektrisiert. Die Mitarbeiter waren vertieft in ihre Arbeit. Nur kurz nahmen sie uns mit einem Nicken wahr. Keine Zeit für einen Plausch. Nur Helga, die gute Seele von ECM, lächelte uns kurz an.  Noch fünf Minuten zuvor erwartete ich eine Belegschaft von etwas gealterten Dauerstudenten, die über die aktuellen Feuilletonthemen des Tages diskutierten und nebenbei entspannt ECM-Platten hören. Doch davon keine Spur. Stattdessen: der Chef war im Hause!

Manfred Eicher ist ECM. Seit über 40 Jahren setzt er seine präzisen Vorstellungen von Musikproduktionen um. Er bringt Musiker zusammen, die oft voneinander nicht wussten und scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Diese Konstellationen entwickeln unter seiner Regie eine Dynamik und eine musikalische Individualität, die ECM-Produktionen auszeichnet. Konsequent erweitert Eicher das Repertoire. Jazz, Klassik, Folklore und Elektronik werden in immer wieder neuer Form variiert, kombiniert, weiterentwickelt. Dabei greift Eicher auf langjährige Labelkünstler wie auch immer wieder auf neue junge, unbekannte Musiker zurück.

Während bei Polygram/Universal intern ständig debattiert wurde, welche Musiker und Musik den nächsten Trend setzen könnte, war Eicher bereits im Studio und überraschte mit Produktionen, die bei uns und auch sonst im Markt keiner erwartet hätte. Nicht selten landete er damit einen großen Verkaufshit. Marktforschung – mittlerweile eine wichtige Instanz beim Major – kennt er nicht. Er vertraut seinem Fingerspitzengefühl, Können, seiner Erfahrung, Neugier und Intuition.

Meetings mit Eicher sind unberechenbar. Selbst wenn eine Agenda vorliegt, wird sie spätestens nach fünf Minuten durchkreuzt. Häufig war unser erstes Thema der Umsatzträger des Weihnachtsgeschäfts. Eicher wollte nichts davon hören. Er interessierte sich an diesem Tag für eine längst veröffentlichte, eher unverdauliche Nischenplatte. Wir waren froh, 500 Abnehmer gefunden zu haben. Eicher nicht. Er redete sich in Rage, präsentierte eine kleine Feuilleton-Notiz und erwartete den gleichen finanziellen und ideellen Einsatz, wie für das Saisonhighlight, das eigentlich das Thema des Tages hätte sein sollen und das auch für ECM entscheidend zum Jahresumsatz beitragen würde. Nach 2 Stunden war das Meeting vorbei und wir einigten uns auf eine zweite Marketingphase für „seine“ Priorität des Tages. Es war klar, daß wir mit einer großen „Die Zeit“-Anzeige nicht eine CD mehr verkaufen würden. Aber Eicher hatte sein Anliegen durchgesetzt.

Hektisch lief er nun davon: die Rückrufliste von Künstlern war lang. Das Taxi stand abfahrbereit vor der Tür, da am Abend irgendwo in der Welt eine weitere Recording-Session begann oder ein Konzert eines neuen oder altgedienten ECM-Künstlers stattfand. Seine Mitarbeiter drängten auf  dringende Cover Entscheidungen und Veröffentlichungstermine; Promotion- und Marketingstrategien mussten verabschiedet werden, Verträge von Künstlern  und Vertriebspartner warteten auf seine  Unterschrift – nichts lief und läuft ohne ihn. Dabei kann jede Entscheidung kurzfristig widerrufen werden. Unberechenbarkeit ist der Schlüssel zum Erfolg. Oft auf Kosten seiner Mitarbeiter: die Fluktuation ist hoch.

Intensiv und beständig sind seine Künstlerkontakte. Über Jahrzehnte arbeitet er mit unterschiedlichsten Musikern, Komponisten, Regisseuren und Schauspielern zusammen. Ein Knochenjob! Allein den exzentrischen Pianisten Keith Jarrett über 40 Jahre exklusiv als Produzent und Labelpartner zu begleiten, ist ein Lebenswerk. Aber auch Jan Garbarek, Arvo Pärt, John Abercrombie, Enrico Rava, Tomasz Stanko und viele andere Künstler sind ihm seit Jahren verbunden. Selbst die „abtrünnigen“ Charlie Haden oder Chick Corea fanden nach vielen Jahren den Weg zurück zu ECM.

Neben der inhaltlichen Kompetenz und dem herausragenden Image ist das internationale Vertriebsnetz ein weiteres Plus von ECM. Das Label hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Netzwerk von engagierten Vertrieben aufgebaut. In den großen Märkten USA, Japan, Frankreich und Deutschland werden sie seit vielen Jahren von Universal Music vermarktet und vertrieben. Jedoch existiert kein Deal über das Universal-Headquarter in London, sondern nur Einzelverträge mit den jeweiligen Landesgesellschaften. In kleinen Märkten und in England arbeiten sie mit Spezialvertrieben zusammen. Das ist clever. Denn die Kommunikation wird direkt aus München gesteuert. So bleiben die üblichen Reibungsverluste, Nadelöhre, das politische Gezänk oder sonstige Begleiterscheinungen, mit denen man bei den Major-Firmen viel Zeit vertreibt, außen vor. Der Umsatz, der mit den Neuheiten und dem Katalog eingefahren wird, ist für alle Firmen eine relevante Größe. Jede Vertriebsfirma erfüllt deshalb auch die besonderen Wünsche von Manfred Eicher. Denn die nächste Keith Jarrett-Veröffentlichung kommt bestimmt. Und die sorgt für die Frühstücksbrötchen.

Manfred Eicher blickt nach vorne. Sobald eine Produktion veröffentlicht worden ist, ist sie gesetzt. Sie ist ein Kunstwerk. Da wird nicht mehr dran „rumgeschraubt“. Ein Beispiel: Wäre Keith Jarrett’s „Köln Concert“ bei Universal erschienen, hätten wir es in den letzten knapp 40 Jahren mindestens 15 mal neu verpackt. Mit Geschichten vom Künstler, Produzenten, Konzertveranstalter und wer noch alles dabei war, ausgestattet, als De Luxe-Box im Metallschuber oder in Kooperation mit 4711 verpackt, mit neuem Cover, neuen Fotos, DVD-Material, als Remix, arrangiert für Symphonieorchester, unveröffentlichten Songs versehen. Irgendetwas findet man immer. Natürlich in allen Preisklassen. Es wäre für den Fan auch kurzweilig, all die Mythen um den miesen Flügel, das beinahe abgesagte Konzert immer wieder neu erzählt zu bekommen.  Doch beharrlich sträubte sich Eicher, unsere Vorschläge aufzugreifen. Scheinbar interessiert hörte er sich unsere Vorschläge an, um sie dann Jahr für Jahr auszusitzen. In der Zwischenzeit gab dann Keith Jarrett ein Interview im „Spiegel“. Auf die Frage, ob er stolz sei auf sein „berühmtes“ Köln Concert“ antwortet er: “Nein, man sollte alle die Aufnahmen einstampfen.“ Die internationalen Presseagenturen kolportierten, daß das „Köln Concert“ eingestampft werden würde. Innerhalb von wenigen Stunden war der gesamte internationale Bestand abgeräumt. Es war eine der erfolgreichsten Katalogkampagnen, die ich erlebt habe.

In diesem Jahr wurde Manfred Eicher wieder vielfach geehrt. Besonders bemerkenswert war die große ECM-Einzelausstellung im  Münchener Haus der Kunst. Neben den vielen Grammies, Ehrendoktorwürden, Bundesverdienstkreuz, Goldenen und Platin-Alben war dieses Ereignis ein weiterer Ritterschlag. Aber seine Freude über solche Ehrungen ist nur von kurzer Dauer. Das Feuer lodert in ihm, denn er hat noch viele Pläne und Ideen, die er realisieren muss.

Zwei Tage nach seinem Geburtstag besuchte ich nochmal das Büro. Der häßliche Kasten von Gräfelfing. Es war wie immer: ich stand im Flur, keiner erwartete mich, alle waren in ihre Arbeiten vertieft. Das Büro sah noch aus wie vor 23 Jahren. Stapel von Zeitungen und Zeitschriften aus aller Welt. Überall Berge von CDs. Die gleichen Lautsprecher am gleichen Platz. Es war wieder ein heißer Sommertag. Jedoch war es entspannter, denn der Chef war unterwegs.  Wieder lächelte Helga mich kurz an. Ein Hauch von Wehmut überkam mich. 37 Jahre begleitet mich nun schon ECM. Es ist die Geschichte des Pioniers Manfred Eicher, der Mut und Haltung besitzt und damit musikalisch die Welt erobert hat.

5 Kommentare

  1. Laszlo am

    War vorher das ECM Büro nicht auf der ersten Etage im hinteren Trakt eines Elektrofachgeschäftes in der Pasinger Gleichmannstr. 10? Diese Adresse war auf die Plattenüllen noch viele Jahre nach dem Umzug nach Gräfeling immernoch aufgedruckt. Wenn die Legende stimmt, in dem Laden hat Manfred Eicher mal als junger Verkäufer gearbeitet.
    Das schmälert seine Leistung und Größe nicht im geringsten, eher umgekehrt.
    Respekt für Eicher und danke für die wieder mal schöne Geschichte.

  2. Kai am

    „Bright Size Life“ von Pat Metheny mit Jaco Pastorius (b.) und Bob Moses (dr.) (1976) war meine erste Platte und „Timeless“ mit Jan Hammer & Jack DeJohnette (1974) die Zweite. Beide Platten befinden sich immer noch im meinem Besitz …

  3. Ruprecht Frieling am

    Glückwunsch zu diesem interessanten Beitrag, Don Kelly! ECM ist seit Jahrzehnten ein Label, das für Individualität und stabile Qualität steht. Eigentlich kann man von Glück sprechen, dass Eicher viele Universal-Marketing-Vorschläge ausgesessen und ignoriert hat.

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