Ronaldo Bastos, Goethe und ich

Meine Hoffnung, daß  es durch die zunehmende globale Vernetzung einfacher werden würde, einen Überblick über Musik anderer Kontinente zu bekommen, hat sich nur zum Teil erfüllt. Gerade nach meinem letzten Brasilienaufenthalt stellte ich erneut fest, wie viele tolle neue Produktionen es dort gibt, von denen hier noch kein Mensch etwas gehört hat. Weder im „stationären“ Handel noch bei Amazon, i-Tunes oder Spotify waren und sind viele großartige Produktionen verfügbar. Ich fühlte mich an die frühen 80er Jahre erinnert, in denen meine Mitbewohnerin, die als Stewardess bei der Lufthansa arbeitete, einen Einkaufszettel auf ihren Flug nach Rio mitbekam, um unseren Grundstock brasilianischer Musik aufzufüllen. Einfacher war ein Besuch in Paris: die FNAC-Filialen waren recht ordentlich bestückt. In Deutschland gab es maximal Platten von Baden Powell, Egberto Gismonti und das Getz/Gilberto-Album, das ich sogar einmal als Amiga-Pressung kaufte. Aber heute ist es leider nicht viel besser als früher. Abgesehen von Michel Telo und seinem Sertaneja-Hit „Ai Se Eu Te Pego!„, natürlich.

Bei Universal Music Deutschland konnten wir eine Zeitlang viele Alben aus Brasilien veröffentlichen, da sie für Europa verfügbar gemacht wurden. Seit einigen Jahren verringerte sich die Zahl der Veröffentlichungen jedoch deutlich. Dafür gab es verschiedene Gründe:

– die brasilianischen Kollegen konzentrierten sich auf Axé-Produktionen, die eigentlich nur in Brasilien verkaufen (vielleicht ändert sich das, wenn Andreas Gabalier mal ein Album in Bahia mit den dortigen Trommlern aufnimmt?)

– ständige Personalwechsel führten dazu, daß es keine kompetenten Ansprechpartner in Rio gab und keine Informationen an die jeweiligen Landesgesellschaften kommuniziert wurden.

– der finale Killer war eine Anordnung vom Londoner Headquarter, daß die Mindestorder eines Albums mindestens 1000 Einheiten für Europa  betragen muß. Ordert man zu viele und bleibt darauf sitzen, wird das dem Marketingbudget belastet. Keine gute Ausgangposition für Newcomer.

Umso wichtiger und erfreulicher ist es, wenn es hierzulande Labels gibt, die mit Risikobereitschaft und Leidenschaft nahezu unbekannte aber großartige Produktionen veröffentlichen.

Diese Woche erscheinen in Deutschland (und Europa) zwei Alben, die ich vor einigen Monaten dem neuen A&R-Manager von Membran-Music, Götz Bühler, in die Hand drückte:„Liebe Paradiso“ von Celso Fonseca und Ronaldo Bastos sowie „AOR“ von Ed Motta.  Spätestens nachdem Götz gemeinsam mit seiner Freundin „Liebe Paradiso“ auf dem Weg zur Entbindung ihres ersten Kindes hörte und kurz danach eine lächelnde Tochter die Welt erblickte, überlegte er nicht mehr lange: die Alben mussten hier erscheinen!

Ronaldo Bastos ist ein alter Freund von meiner Frau Cristina. Sie kennen sich seit den 80er. Ronaldo ist einer der großen Songwriter Brasiliens. Er schrieb Texte für Tom Jobim, Edu Lobo, Dori Caymmi, Ed Motta und vor allem Milton Nascimento und dessen Meisterwerk „Clube de Esquinha“. Neben seiner Tätigkeit als Texter fiel er  immer wieder als Labelmacher auf: seine Plattenfirma „Dubas“ steht für kompromisslose Qualität. Hier erschien das Marcos Valle Meisterwerk „Jet-Samba“ oder die Wiederveröffentlichung des legendären Joao Donato Albums „A Bad Donato“, ein Funkklassiker aus den früher 70erJahren.

Ronaldo und sein Freund und Mitproduzent Leo Pereda statteten Berlin im Sommer 2010 einen mehrwöchigen Besuch ab. Sie verliebten sich in die Stadt und liessen sich in vielerlei Beziehung von der Atmosphäre inspirieren. Es war ein heißer Sommer. Ronaldo und Leo arbeiteten an ihrem  Projekt „Liebe Paradiso“.  Es sollte eine Neubearbeitung des 1997 erschienenen Klassikers „Paradiso“ werden. Ronaldo hatte etwas Geld, sah mehr Potential in den Songs und beschloß, alles nochmal besser zu machen.  Eine Reihe großer brasilianischer Künstler hatte bereits zugesagt oder schon erste Songs aufgenommen: Nana Caymmi, Joao Donato, Milton Nascimento, Jaques Morelenbaum, Adriana Calcanhotto oder Marcos Valle.

Während seines Berlin-Aufenthaltes legte mir Ronaldo ein deutsches Gedicht vor und fragte mich, ob ich es für ihn lesen könne.  Klaro –  Ehrensache. Er zückte sein Diktiergerät und ich rezitierte das Gedicht. Er deutete an, daß er das Gelesene für sein Album verarbeiten würde.

Ein Jahr später besuchte Ronaldo wiederum Berlin. „Liebe Paradiso“ war nach 4-jähriger Produktion vollendet. Eine private  Listening-Session wurde organisiert. Die Spannung war groß.

Nach den ersten Takten war klar: das ist ein Meisterwerk.  Streicherarrangements, wie ich sie nur von Claus Ogermann kenne. Darüber erklingt eine Trompete – cool und zart. Unterlegt von geschmackvollen gesampelten Beats. Eine Produktion, die Tradition und Modernität aufs Beste verbindet. Nach dem zweiten Chorus wurde ich überrascht von meiner eigenen Stimme, die ich vorher noch nie auf einem Tonträger gehört hatte. Ronaldo hatte das Gedicht „Gesang der Geister über den Wassern“ von Johann Wolfgang von Goethe in den wunderbaren Song „Paradiso“ eingebaut. Mein Debüt auf einem brasilianischen Album. Und dann auch noch in bester Gesellschaft. Das Album verbindet die besten Momente brasilianischer Popmusik der letzten 40 Jahre.

Was sagen die ersten Kritiken? Stefan Franzen in Jazzthing: “So ist ein großer Wurf entstanden, der mit Jazz, Pop und Klassik aufwartet, ähnlich umfassende lyrische Wirkung zeigt wie vor 40 Jahren vielleicht die ‚Clube da Esquinha’-Alben.“ Harald Kepler schreibt im Tip Berlin:„ Die Bezüge nach Deutschland sind mannigfaltig und doch ist dieses Albumremake in Rio entstanden. Angeregt von Reisen in unsere Stadt haben Hitschreiber Bastos und Sänger/Gitarrist Fonseca dort ihren Meilenstein „Paradiso“, an dem 1997 MPB-Stars wie Milton Nascimento und Marcos Valle beteiligt waren, mit Loops und Digitaleffekten unserer Tage überarbeitet (Anm. CK: das Album wurde komplett neu aufgenommen). Das Ergebnis ihres Experiments ist einfach paradiesisch! Es verströmt die Leichtigkeit der goldenen Ära des Bossa nova und trifft zugleich voll das Lebensgefühl heutiger Hörer.“ Christoph Dallach im KulturSIEGEL 7/13:“Wie klingt es, wenn zwei Brasilianer sich auf der Suche nach dem Paradies ausgerechnet von Berlin inspirieren lassen? Umwerfend! Zumindest in diesem Fall.“

In dieser Gesellschaft fühle ich mich wohl:

Album Nr. 2 kommt von Ed Motta. Soul- und Jazz-Ikone aus Rio. Seine Einflüsse: George Duke, Frank Zappa, Black Banda Rio, Azymuth, Tim Maia (Eds Onkel!). Auf dem aktuellen Album  „AOR“ kommen noch Steely Dan, Doobie Brothers und Boz Scaggs hinzu. Die Texte für das englische Album schrieb Rob „Galliano“ Gallagher. Das perfekte Sommeralbum.

Ed ist Musik-Experte. Seine Vinyl-Sammlung umfasst mehr als 30.000 Alben. Ed ist aber auch ein angesehener Gourmet-Kritiker in Brasilien; spezialisiert auf Weine, Biere (darunter auch eine seltene Spezialität wie Kirschbiere) und Tee. Seine Meinung ist gefragt: er hat über 135.000 Twitter-Follower.

Letzte Woche besuchte er mit seiner Frau Edna Berlin. Er gab Interviews, kochte gemeinsam mit Dieter Ilg und Sabine Hück für die „Jazzthing“-Kolumne „Jazz Cooks“  und gab drei gefeierte Konzerte in unterschiedlichen Berliner Locations (Bar Tausend, BeLaSound-Festival und im Hotel „Das Stue“). Er wurde begleitet von einer herausragenden Berliner Band unter der Leitung von Matti Klein. Zwischendurch  beantwortete er mir ein paar Antworten auf wichtige Fragen.

 

 

 

 

 

Kommentieren