Hummel, Hummel – Jazz, Jazz

In Hamburg lebten in den 70er, 80er und 90er Jahren einige Musiker, die internationale Pop-und Jazzgeschichte geschrieben hatten – Beispiel: Tony Sheridan. Die Beatles begleiteten ihn im Star Club und machten mit ihm ihr erstes Album. Produziert von Bert Kaempfert und aufgenommen in Hamburg. Danach machten die Beatles Weltkarriere, Sheridan blieb an der Elbe. In den 70er Jahren spielte er gelegentlich in der kleinen, muffigen Musikkneipe „Die Hummel“ in Hamburg-Hummelsbüttel. Dort gingen wir als Teenager ab und zu hin. Weniger weil wir seine Bluesnummern toll fanden, sondern weil er mit den Beatles gespielt hatte. Später folgte er Bhagwan, wurde Sanyassin und ich verlor ihn aus den Augen. 2013 starb er in Hamburg und es gab wohl einen sehr feierlichen Trauergottesdienst im Michel.

Mitte der 60er Jahre strandete der Saxophonist, Flötist und Klarinettist Herb Geller in Hamburg. In den 50er Jahren war er eine Ikone des US-Cool Jazz gewesen. Er spielte mit Clifford Brown, Ella Fitzgerald, Dinah Washington, Benny Goodman, Shorty Rogers und Chet Baker. In Hamburg wurde er festes Mitglied in der NDR Big Band und spielte auch im „Tanzorchester ohne Namen unter der Leitung von Franz Thon“. Ich sah Geller häufiger im Onkel Pö mit der Band Känguru – eine Fusion-Jazz-Muckertruppe um den Bassisten Anselm Kluge. Ich dachte, es sei cool, mal Querflötenunterricht bei Herb zu nehmen. Damals spielte ich bereits Querflöte in der Band „Quer“ (die aber nicht wegen meiner Querflöte „Quer“ hieß). Wir hatten bei Gigs auf Schulfesten schon ein paar Fans um uns scharen können. Außerdem nahmen wir im Alan Vydra-Studio vier Tracks für einen Nachwuchswettbewerb der „Deutschen Phonoakademie“ auf. Alan Vydra war Ende der 70er Jahre der bekannteste deutsche Pornofilmer. Irgendwie hatte der Vater von Jens Kraft, Sänger und Gitarrist von „Quer“, Kontakt zu Vydra. Klar, die Pornodarstellerinnen würden nackt im Aufnahmeraum sitzen und sofort nach dem Recording eine Nummer mit uns schieben wollen! Doch lag unser Recording auf einem Samstag. Da war auch auf dem Porno-Set Wochenende.

Die Live- und Studioerfahrungen mit Quer hatten mein Selbstvertrauen gestärkt. Deshalb fragte ich Herb nach einem Onkel Pö-Gig, ob er mir Unterricht geben könne. Yes! Wir trafen uns beim NDR. Erste Übung: As-Dur Variation aufwärts. Hmm … As-Dur? „Fiebernde Barsche Essen Aspirin…“ – also 4 „bs“. Ich überlegte und spielte holperig die Tonleiter. Herb schaute mich betroffen an. Die Stunde war schnell vorbei. Eine Hausaufgabe gab er mir auf den Weg: alle Tonleitern in allen Variationen zu lernen. Da sitze ich heute noch dran. Leider starb Herb 2013 in Hamburg. Ich gebe aber trotzdem nicht auf mit den Tonleitern!

Auch der gebürtige Berliner Bassist, Produzent und Illustrator Klaus Voormann lebte in und bei Hamburg. Erst Anfang der 60er Jahre. Von Mitte der 60er bis Ende der 70er war er in England und in den USA einer der gefragtesten Studiomusiker. Danach kehrte er nach Hamburg zurück und produzierte unter anderem TRIO’s Welthit „Da Da Da“. Ich lernte ihn später kennen – darüber dann ein andermal mehr.

Und dann spielte und lebte noch Howard Johnson in Hamburg. Weltbester Tubist. Zu hören auf „Rock Of Ages“ von The Band (Bläserarrangements: Allen Toussaint),  „The Real Thing“ von Taj Mahal, diversen Alben von John Lennon, Carla Bley, Charlie Haden, John Scofield, Archie Shepp, Quincy Jones und vielen anderen Legenden. Er strandete Anfang der 90er Jahre bei der NDR Big Band. Allein dieses Engagement rechtfertigt bis heute die Rundfunk-Gebühren!

Die Jazzszene in Hamburg war überschaubar. Sie traf sich im Birdland, das 2013 nach Jahrzehnten schloss und einige Zeit später wieder die Toren aufmachte. Ich war seit der Wiedereröffnung nicht mehr dort und hoffe, dass die Patina dort erhalten blieb? Denn hier spürte man noch den Geist der Jazz-Keller-Ära aus den 50er Jahren. Junggebliebene blondierte Damen nippten an ihrem Piccolo-Sekt, während ihre bärtigen Männer ernste Gespräche über Jazz führten. Jazzkonzerte gab es auch in der Fabrik, dem alternativen Kulturzentrum in Altona. Und sonntags lud der SPD-Ortsverband zum Dixieland-Frühschoppen ein. Kein Wunder, dass Howard und ich uns irgendwann begegneten.

Gleich bei unserem ersten Treffen überraschte er mich. Howard hatte noch kein Solo-Album aufgenommen. Unfassbar – es wurde höchste Zeit, das zu ändern. Wir kamen ins Gespräch.

Ich malte mir das erste Album aus. Howard geht sein Telefonbuch durch. Ein Anruf genügt und alle sind dabei: Levon Helm, Van Dyke Parks, Yoko Ono, Allen Toussaint, Taj Mahal, Klaus Voormann, Robbie Robertson. Auf lau. Freundschaftsdienst. Brothers. Doch Pustekuchen: er hatte sich eine andere Idee in den Kopf gesetzt. Mit Musikern aus Hamburg. Den Stars aus dem Birdland, dem Hamburger Birdland. Nicht dem New Yorker. Und es kam noch dicker: Howard wollte auf seinem Recording-Debüt nicht Tuba sondern Bariton-Saxophon spielen. Sein Zweitinstrument. Ein Tribut an Pharaoh Sanders. Will das jemand hören?

Es war mein erster Künstler, den ich unter Vertrag nahm. Es war sein erstes Solo-Album. Sein Wunsch hatte Vorrang. Er machte alles anders, als ich es erhofft hatte:  Repertoire, Instrument, Cover und Musiker. Brian Bacchus produzierte. Er ist einer der Entdecker von Norah Jones und produzierte später auch das Hit-Album von Gregory Porter. Kurze Zeit nach der Produktion mit Howard Johnson stellte Brian mir in New York meine spätere Frau vor.

Das Album „Arrival“ steckt voller Energie und Spielfreude. Die Presse war überrascht – wenn nicht sogar irritiert – über das Konzept, die Besetzung und das Bariton-Saxophon. Aber Howard war glücklich. Mindestens einmal die Woche kam er mit einem Kuchen im Büro vorbei. Er sorgte für gute Laune und versorgte uns mit vielen Anekdoten. Meine Kollegen in der Dance- und Rockabteilung konnten es nicht fassen, dass Künstler so nett und entspannt sein konnten. Sie waren einen rauen Ton gewohnt. Ihre Künstler forderten mehr Airplay, Hits, Anzeigen, Plakatierung, TV-Werbung, Aufmerksamkeit und ständig mehr Geld. Einziger Wermutstropfen bei Howard: die US-Kollegen veröffentlichten das Album nicht. Aber das war nach einem guten gemeinsamen Abendessen auch vergessen.

Die Tuba stand im Mittelpunkt des zweiten Albums. Howard hatte seit den 70er Jahren die Formation „Gravity“ aufgebaut. Mit insgesamt sieben Tubisten spielte er 10 Songs ein. Musik, die auf Watte gebettet ist. Soul, Jazz, Gospel und viel New Orleans sind die Ingredienzien. Das Album wurde ausgezeichnet mit dem „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ und in den USA veröffentlicht. Es gab mehr Kuchen und mehr Geschichten.

Die Verkaufszahlen waren nebensächlich. Bis jetzt. Das nächste Album stand an. Der Controller wollte endlich schwarze Zahlen sehen. Bei den ersten beiden Alben waren wir weit davon entfernt. Album Nr. 3 musste kostengünstig sein. Eine gute Gelegenheit bot sich an: Volker Steppart von Radio Bremen stellte die Original-Taj Mahal-Band des Albums „The Real Thing“ zusammen. Für das Jazzfestival Berlin. 25 Jahren nach ihrem legendären Fillmore West-Konzert. Mit dabei: Howard und seine Tuba-Jungs. Die Festivalleitung nahm Gravity zusätzlich mit ins Programm. Optimale Voraussetzung für ein Live-Recording. Die ARD stellte uns die Mehrspur-Bänder zur Verfügung, ein teures Studio musste nicht gebucht werden. Hotel-, Reise- und Verpflegungskosten übernahm der Gebührenzahler. Wir mussten nur die Musiker für die Schallplattenauswertung auszahlen. Vorab. Inklusive Taj Mahal. Gastsänger bei zwei Titeln. Das Konzert war gut, die Bandmaschine leider nicht: eine Minute vor dem Gig fiel sie aus. Nach dem Konzert waren alle Musiker über alle Berge: das Geld futsch, keine Aufnahme – deep shit! Bei solch alten Bandmaschinen musste ich mir das mit den Rundfunk-Gebühren noch mal überlegen….

Letztlich wurde dann doch alles viel teurer. Howards Managerin Suzy Reynolds beraumte eine Produktion in New York an. Studio, Musiker und Taj Mahal mussten erneut bezahlt werden. Das Ergebnis „Right Now“ hat große Momente, ist aber nicht so spektakulär wie der Vorgänger. Howard selbst hatte zu dem Zeitpunkt bereits seinen sicheren Job beim NDR geschmissen … das Heimweh nach New York. Im letzten Jahr erschien sein viertes Soloalbum „Testimony“. Passend zu seinem 75-jährigen Geburtstag.

 

 

 

 

Herb Geller: An American in Hamburg. Ein Weltstar ankerte in der Hansestadt. 1975 erschien dieses Album mit u.a. Mark Murphy, Palle Mikkelborg, Gottfried Böttger, Wolfgang Schlüter u.a. auf NOVA-Records.

Konnte alle Tonleitern vor- und rückwärts, auf und abwärts: Herb Geller. Das Foto stammt vom „An American In Hamburg“-Cover.

 

Die Band „Quer“ im UHC (Uhlenhorster Hockey-Club). Im Bild: Detlef Diederichsen, Jens Kraft und Ulf Reuver (v.r.n.l.)

„Quer“ almost unplugged bei der Kellerparty von Marc Urban. Im Bild: Detlef Diederichsen mit Gitarre, Kelly mit Hut.

Kelly live mit Quer. Im Gepäck: ein paar abgeguckte Licks von Herb Geller in C-Dur

Howard Johnson’s Nubia: v.n.r.: Sabine Worthmann (bass), Sarah Seidel (flute, voice & artwork), Kojo Samuels (percussion & saxophoe), Howard Johnson ( bariton sax, voice, clarinet, cornet & flugehorn and no tuba), Johannes G. Bahlmann (piano), Dumisani Mabaso (percussion), Wolff Reichert (drums).

Alles anders beim Debütalbum von Howard Johnson: Statt Tuba Bariton-Saxophon. Statt US-Top-Stars als Begleitmusiker, die Top-Stars aus dem Hamburger Jazzkeller „Birdland“. Statt Coverportrait von Howard ein Gemälde von Sarah Seidel.

Producer at work: Brian Bacchus während der „Nubia“-Aufnahmen in Hamburg. (Foto: Ben Seidel)

Producer after work: Brian Bacchus

Multiinstrumentalist Howard Johnson während der Aufnahmen für „Arrival“. (Foto: Ben Seidel)

Bassistin Sabine Worthmann und Howard Johnson im Studio. Foto: Ben Seidel.

Howard zu Gast auf Kellys Hochzeit. Mit im Bild: Paul Nemitz, Bebel Gilberto und natürlich Cristina

In lustiger Runde: Howard auf Kellys Hochzeitsparty in New York. Mit angereist: Detlef Diederichsen und Jens Kraft

Eine Quelle von herrlichen Musikergeschichten: Howard Johnson. Zu Besuch bei Kelly in Hamburg-St.Pauli mit Götz Bühler.

Howard’s zweites Soloalbum „Gravity!!!“. Das Artwork machte Walter Welcke – geboren Thielsch

Das ARD-Mehrspurgerät versagte, der Stift des ARD-Redakteurs jedoch nicht: Autogramme von allen Tubisten inklusive Taj Mahal für das Taj Mahal „The Real Thing“.

Howard Johnson’s Gravity 1996 im Haus der Kulturen in Berlin. Untere Reihe: Bob Stewart – (lowest tuba voice) Dave Bargeron – tuba Howard Johnson – lead tuba/vocals Taj Mahal – guitar/ vocals Obere Reihe: Carl Kleinsteuber – (highest tuba voice) Kenwood Denmark – drums James Cammack – bass Ray Chew – piano Earl McIntyre – tuba Joe Daley – tuba Bettina Wauschke – tuba Nedra Johnson – tuba/vocals Foto: Harald Hoffmann

2018 mit dem Grammy ausgezeichnet: Taj Mahal. Gemeinsam mit Howard Johnson 1996 im Haus der Kulturen der Welt Berlin. Foto: Harald Hoffmann

6 Kommentare

  1. Ulli Maier am

    Ein Leben für die Musik. Die alten Fotos sind ein foreshadowing der kommenden Jahre. Wann kommt die Party zur fünfzigjährigen Freundschaft? Vegan und alkoholfrei natürlich …

  2. Gabi am

    Lieber Kelly, ich weiss noch genau, dass wir uns, im Spagat zwischen Herrn Boa und Herrn Kiesow, fragten, was wir eigentlich falsch machten. Howard Johnson war immer so nett und herzlich. Ob das die Musik macht ?????

  3. Sigi am

    Lieber Kelly, große Freude, dass Dein Buch so gut voran kommt. Und diese Fülle herrlicher historischer Illustrationen! Das wollen wir alles gedruckt sehen und lesen. Howard Johnson hatte ich bei „Arrival“ mit großer Begeisterung fürs Radio interviewt. Muß die CD mal wieder hören. Und „Gravity“: Danke nachträglich für den Tip. Bist Du übrigens mit meinem Buch
    weiter gekommen? Herzlichst, Sigi /Users/sigi/Desktop/FLyer mit Armstrong_A6_v4.pdf

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