Heute hier – morgen dort

Der Chansonier, Schauspieler und Buchautor Klaus Hoffmann feierte seinen 60-sten Geburtstag mit einem Konzert im Friedrichstadtpalast. Einige hochkarätige Weggefährten gaben sich mit ihm auf der Bühne die Ehre: Reinhard Mey, Rolf Kühn, Herman van Veen, Romy Haag, Robert Kreis und Hannes Wader. Eigentlich fehlte nur die Moderation von Alfred Biolek.

Natürlich war das Konzert bei diesem Line-Up innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft. Im Publikum saß die Alt-West-Berliner-Prominenz, die extra für diesen Anlass in den Ostteil der Stadt anreiste. Ich besuchte das Konzert mit Ruprecht „Prinz Rupi“ Frieling. Mein Neffe. 1967 zog er aus Oelde (Westfalen) nach Berlin. Die wilden Zeiten.

Es war ein langes Konzert. Über drei Stunden ließ sich Klaus Hoffmann von seinen Gästen auf der Bühne und im Publikum feiern. Die Überraschung des Abends war Hannes Wader. Seine Stimme, seine Ausstrahlung, sein ganzes Charisma waren einzigartig. Er war trocken, bissig, witzig und dabei äußerst charmant. Ich hatte ihn als humorlosen Polit-Barden abgespeichert, der ab und an auch auf plattdeutsch Volkslieder und Shanties singt. Welch ein Irrtum: Hannes Wader war ein cooler Hund!

Nach dem Konzert empfing Klaus Hoffmann Freunde, Geschäftspartner und die Mit-Musiker. Rupi und ich mischten uns unter die West-Berliner-Mischpoke. Unser Thema des Abends: Hannes Wader. Rupi verfolgte seinen Werdegang von Beginn an. Seit Berlin 1967. Kommune 2, Rainer Langhans, Uschi Obermeier, der Schah, Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg und „wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“. Kein Wunder: Rupi kannte jede zweite Frau im Publikum noch aus ihren besten Tagen. Schade, dachte ich, 10 Jahre zu spät geboren.

Zurück zu Wader: Rupi korrigierte mein verzerrtes Wader-Bild und klärte mich in aller Kürze über seine Biografie auf. 1969 erschien die erste Wader-LP. Produziert und finanziert von Knut Kiesewetter („Sie sind grün und sie malten sich gelb an…“). Sie erschien im Vertrieb der Phonogram (heute Mercury und Teil von Universal Music). Für Mercury nahm er danach 13 Alben von 1971-79 und von 1987- 91 auf. Dazwischen war er bei Pläne unter Vertrag. Pläne war ein Label mit eigenem Vertrieb. Mit Sitz in Dortmund. Angeblich zu DDR-Zeiten aus Ost-Berlin subventioniert.

Rupi sprach Wader auf dem Empfang an – wir wollten ihn zu seinem guten Auftritt beglückwünschen. Er stellte mich als Universal-Manager vor. Waders Reaktion: „Universal? Schön, dass mich da noch jemand kennt. Letztes Mal als ich dort anrief, sagte man mir dort: ‚Wader? Der ist doch schon längst tot?’“ Ein unerwarteter Gesprächsauftakt.

Wader kam auf seine aktuellen Probleme mit Pläne zu sprechen. Seine Alben wurden nicht mehr nachgepresst, obwohl es viele Nachfragen gab. Sehr unterschwellig deutete er an, dass er sich ein Gespräch mit Universal vorstellen könne. Warum nicht, dachte ich, nach dieser überzeugenden Performance? Wir verblieben damit, uns zu einem späteren Zeitpunkt zu treffen.

Ich arbeitete mich in das Werk von Wader ein und war fasziniert von seinen Texten, Melodien und Arrangements. Ok, ein paar kleine musikalische Sünden gab es schon. Aber nicht viele. Alle seine 13 Mercury-Alben waren bei Universal noch erhältlich. Ein Indiz dafür, dass sein Katalog sich ordentlich dreht – sprich: spürbare Umsätze macht. Für Titel, die nur kleine Stückzahlen bewegen, gibt es bei Universal kein Erbarmen: sie werden gestrichen (Lieferstatus 05) und/oder „vernichtet“ (Lieferstatus 09). Controller lieben dieses Schlachtfest. Es wird Platz im Lager geschafft. Mir blutete bei jedem meiner gestrichenen Lieblingstitel das Herz.

Rupi hielt den direkten Draht zu Wader aufrecht. Er war überzeugt davon, dass ein neues Album ein großer Erfolg werden würde. Und ich glaubte auch bald daran.

Einige Wochen nach diesem ersten Treffen verabredeten wir uns in Hamburg. Wader kam mit seinem Co-Produzenten und Tonmeister Ben aus Hamburg. Ben sah aus, wie der Sohn vom Leuchtturmwärter von Neuwerk, der in den letzten 40 Jahren jeden Abend die Tür zum Onkel Pö abgeschlossen hatte. Wader stand vor seinem 70. Geburtstag. 6 Jahre lang hatte er nichts Neues produziert. Die Fans warteten. „Pläne“ zierte sich offenbar und so war es ein guter Zeitpunkt, mit Wader über seine neuen Songs zu sprechen. Er skizzierte ein paar Ideen, die uns begeisterten. Spätestens jetzt war klar, dass das nächste Album bei uns kommen musste.

Das dritte Treffen fand wiederum in Hamburg statt. Wader spielte in der Fabrik. Hier ist er alle 2 Jahre zu Besuch. Solo. Fast ausverkauft. Das betagte Publikum lauschte aufmerksam seinen Songs und goutierte seine etwas hölzernen, aber launigen Ansagen mit freundlichem Applaus. Sänger und Publikum kennen und schätzen sich seit vielen Jahren. Keine radikalen Zwischenrufe oder geplante/spontane Protestaktionen mehr, wie man sie auf altem Filmmaterial sehen kann.

Nach dem Konzert zogen Freunde und Familie weiter ins italienische Restaurant Cuneo. Eine Institution auf dem Hamburger Kiez. Hier traf sich die Hamburger Szene der 70er Jahre: Udo Lindenberg, Okko, Lonzo, Otto, Carlo von Thiedemann, Truck Stop und wie sie alle hießen. Auch Wader ging hier ein und aus. Dementsprechend wurde er wie ein alter Freund des Hauses empfangen.

Einige Stunden und viele Flaschen Rotwein und diverse klare Grappas später löste sich die Runde auf. Rupi, Wader und ich zogen weiter in die Lobby des Atlantik-Hotels. Dort setzten wir unsere intensive Diskussion über eine zukünftige Zusammenarbeit fort. Der Veröffentlichungstermin sollte zu seinem Geburtstag sein – also waren noch 8 Monate Zeit. Wir waren uns einig: das neue Album war so gut wie eingetütet. Doch dann kippte das Gespräch: Wader eröffnete, dass er maximal nur vier neue Titel schreiben und komponieren könne. Das Gros des Albums sollten deutsche Coverversionen von internationalen Songs werden. „Nein, das geht nicht“, platzte es aus mir heraus. Es müssen mehr Eigenkompositionen werden! „Dann kommen wir wohl nicht zusammen“ sagte er. Uppss, da hatte ich wohl zu sehr aufs Gaspedal getreten. Meine Einschätzung, dass Wader seine Texte aus dem Ärmel schüttelt, war falsch. Er ist ein großartiger, spontaner und humorvoller Erzähler. Aber ein neuer Text braucht bei ihm viel Zeit und Geduld. Fast wäre die soeben begonnene Zusammenarbeit zu später Stunde im Atlantic-Hotel frühzeitig geplatzt.

Da es mehr eigene Songs werden sollten, terminierten wir das Album für einige Monate nach seinem runden Geburtstag. Hannes war sichtlich erleichtert, nicht unter zeitlichem Druck stehen zu müssen.

Seinen Geburtstag feierten wir mit einem Tribut-Album. Viele Künstler kamen dafür in Frage. Natürlich die alte Garde der Singer-Songwriter. Von Reinhard Mey über Wolfgang Niedecken bis hin zu Konstantin Wecker. Aber wir entschieden uns für die neue Generation. In dieser Szene war gerade ordentlich Bewegung. Hannes Kraus, der Musik-Mastermind vom Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin, stattete mich mit den neuesten Alben der wichtigsten Künstler aus. Pia Hoffmann übernahm die Projektleitung. Nach drei Monaten hatten wir ein wunderbares Tribut-Album vorliegen. Unter anderem wirkten Bosse, Dota und die Stadtpiraten, Alin Coen Band, Philipp Poisel, Max Prosa und Glasperlenspiel mit.

Wader war nicht involviert aber informiert. Anfangs reagierte er skeptisch: seine Erfahrungen mit Tribute-Alben waren aus seiner Sicht nicht überzeugend. Nachdem wir das Projekt aber gestartet hatten, fragte er doch das eine oder andere Mal interessiert nach, wer denn alles so dabei sei. Ich glaube, er konnte mit diesem Line-Up bei seiner Tochter punkten.

Als wir einige Monate später Wader die fertige Produktion in meinem Büro vorspielten, war er sichtlich gerührt. Sah ich da die eine oder andere Träne in seinen Augen?

3 Monate nach seinem Geburtstag erschien sein neues Album „Nah dran“. Ein großer Wurf: auf 16 Songs reflektiert Wader mit Selbstironie, Souveränität, Gefühl das/sein Leben. Kritiker und Käufer goutierten das Werk: Es stieg in die Top 20 (#17) ein und markierte die höchste Chartplatzierung, die Hannes Wader in seiner gut 45-jährigen Karriere hatte. Außerdem erhielt er den „Preis der deutschen Schallplattenkritik“.

Doch kurz danach kam der größte Paukenschlag: Hannes Wader sollte den Preis für sein „Lebenswerk“ beim ECHO Pop erhalten. Bisherige Preisträger waren u.a. James Last, Reinhard Mey, Udo Lindenberg, Annette Humpe, Klaus Doldinger, Hildegard Knef und Caterina Valente. Einfluss auf die Entscheidung hatten die „Toten Hosen“, die bei dieser ECHO-Verleihung – zumindest gefühlt – in jeder Kategorie nominiert waren. Sie waren Wader-Fans und planten als nächste Single-Auskopplung den Wader-Klassiker „Heute Hier – Morgen Dort“. Die Jury einigte sich schnell auf ihn.

Wader war erneut tief bewegt. Sein Leben hatte viele Tiefschläge erlitten. Viele Jahre wurde er von den Medien diffamiert und ignoriert. Er fühlte sich sehr oft missverstanden. Aber er verfolgte konsequent seinen Weg, seine Ideen, seine Karriere. Dieser Lebenswerk-Preis war eine Genugtuung seiner kompromisslosen Arbeit. Endlich erhielt er den Respekt und die Anerkennung von der Industrie, für die er in den letzten fast 50 Jahren Millionenumsätze eingespielt hat.

Bei der ECHO-Verleihung saß ich neben Hannes in der ersten Reihe. Er kam etwas später zur Zeremonie und war sehr nervös. Ständig rückte er auf seinem Platz nach rechts und nach links und zupfte an seinem Hemdkragen. Dann stieß er mich an und fragte, ob ich wüsste, wo das Klo sei. Ich wusste es nicht. Nun wurde er unruhig. „Ich muss jetzt dringend pinkeln. Weißt Du, wann ich dran bin?“ Ich war mir nicht sicher. Dennoch riskierten wir den Weg zur nächsten Toilette. Pünktlich und erleichtert erreichten wir wieder unsere Plätze.

Reinhard Mey hielt die Laudatio. 2 TV-Kamera-Leute standen vor uns. Immer wenn Wader im Bild war, war ich genauso groß zu sehen. Warum auch immer? Ich war nicht seine Frau, seine Tochter, sein langjähriger musikalischer Direktor. Bereits auf der Aftershow-Party sprach mich jeder an: “Äh Kelly, weißt Du, dass Du ….“ usw.

Kurz nach der ECHO-Verleihung erhielt ich ein Mail mit dem Betreff: „Gar nicht verändert“. Der Absender: meine alte Schulhofliebe Cornelia. Sie hatte Wader und mich in der TV-Übertragung vom Echo gesehen. Nach über 3 Jahrzehnten nahm sie den Kontakt auf. Sie war damals eine 1-A-Popperbraut: teuer und exklusiv gekleidet, reich, adelig, hanseatisch kühl und natürlich Mitglied in unserem Hockey-Club UHC. Ich war keine Option für sie. Ich war zu dick, zu albern und zu schüchtern. Keines Blickes hat sie mich gewürdigt. 34 Jahre später schickte sie mir nun dieses Mail. Dank Hannes Wader. Klar freute ich mich, von ihr zu hören. Endlich. Aber hatte ich mich überhaupt nicht verändert? Zumindest bin ich doch deutlich schlanker als früher!

Was sie nicht wusste: ich schrieb mal einen Text mit dem Titel „Cornelia“. Für unsere Schülerband „Quer“. Bevor wir die Musik aufnehmen konnten, hatten wir uns bereits aufgelöst. Der Text landete in irgendeiner Schublade und staubte ein. Cornelia verlor ich aus den Augen.

Doch 20 Jahre später wurde ich wieder an sie und den Song erinnert. Der Anlass: mein 40. Geburtstag. Detlef Diederichsen initiierte die Erstaufnahme des Titels. Gemeinsam mit Jens Kraft schrieb er die Musik zu dem Text. Mit Timo Blunck arrangierte er den Titel. Timo und Detlef verschickten Text und Komposition an diverse Freunde und Künstler und nahmen selber auch ein paar Versionen auf. Diese (und einige andere Titel, über die ich vielleicht ein anderes Mal erzähle) landeten auf drei Dub-Plates: Schallplatten also, die es nur in einmaliger Auflage gibt. Meine Songs, die es nie auf einen Tonträger geschafft hatten.

Die Übergabe fand vor der versammelten Geburtstagsgesellschaft statt. Der DJ unterbrach seinen Set und legte die erste Platte auf. Ich ahnte nichts. Erst erklang eine Ukulele. Dann setzte der Gesang ein: Götz Alsmann. Als der Refrain mit „Cornelia“ kam, dämmerte es langsam. Oh Gott, war mir das peinlich! Dieser Text: eine böse Teenagersünde! „Sie ist fürchterlich hübsch und unendlich dumm.“ Cornelia war doch gar nicht „dumm“? Ich war doch der Depp, der sie nicht um meinen Finger wickeln konnte….. Verzeih mir Cornelia! Und eigentlich hätte ich bei meiner nächtlichen Diskussion mit Hannes Wader an diesen Moment denken müssen: wie schwer es ist, gute deutsche Songtexte zu schreiben!

Nach diesem ersten Schock kam die Freude: was für ein Traumbesetzung für meine Songs. Die „Zimmermänner“  spielten gemeinsam mit Till Brönner; Pericles Cavalcanti mit Hendrik Lorenzen und Nils-Petter Molvaer; Folke Jensen, Jens Kraft, Incognito, Hanns Landa, Soul Society….und natürlich „Götzi“!

Ich war tief berührt!

Nun, liebe Leser, hier und heute erstmalig alle „Cornelia“-Versionen. Exklusiv bei „Kellys Diary“. Viel Spaß!

1. Die Zimmermänner feat. Till Brönner

2. Götz Alsmann

3. Die Zimmermänner feat Hanns Landa

4. Hendrik Lorenzen feat. Pericles Cavalcanti und Nils-Petter Molvaer

5. Soul Society & Die Zimmermänner

6. Die Zimmermänner feat Hanns Landa

 

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