CHICO TOTAL

Foto: Dirk Bleicker

Als Freizeitkicker passierte es mir ein einziges Mal, dass ich ein Eigentor schoss. 2006 in Berlin. Es war ein Match junger deutscher Spieler gegen eine Truppe betagter brasilianischer Herren. Die alten Brasilianer gewannen überlegen. Das Eigentor wertete ich im Nachhinein als Gastgeschenk an den Initiator des Spiels: Chico Buarque, großartiger Sänger, Komponist, Buchautor und sehr verbissener Mittelfeldregisseur aus Rio de Janeiro.

Chico war auf Einladung seines Freundes Gilberto Gil in Berlin, ebenfalls bekannter Popstar und zum damaligen Zeitpunkt brasilianischer Kultusminister. Gil veranlasste parallel zur WM 2006 das vierwöchige brasilianische Musikfestival „Copa da Cultura“ im Berliner „Haus der Kulturen der Welt“. Er ließ dafür fast die gesamte erste Liga der brasilianischen Popmusik einfliegen. Sein Gastgeschenk zur WM in Deutschland. Die Eröffnung des Festivals übernahm der Kultusminister persönlich. Locker und lässig betrat er mit seiner Band die Bühne und präsentierte seinen Mix aus Pop, Afro, Funk und Reggae. Der Saal kochte. Zumindest in den hinteren Reihen. Dort feierten vor allem Brasilianer ihren Minister. In den ersten Reihen blieb es deutlich reservierter. Dort saßen die deutschen Amtskollegen aus dem Kultus- und Außenministerium und wunderten sich. Vielleicht stellten sie sich gerade ihre Chefs Westerwelle oder Neumann singend und tanzend neben Gilberto Gil auf der Bühne vor?

Chico Buarque wiederum trat im Rahmen des Festivals nach einer siebenjährigen Bühnenabstinenz erstmalig wieder live auf. Ticketpreis: 5 Euro. Brasilien unterstützte. Ich kaufte 60 Tickets und verteilte sie an gute Freunde und Bekannte. In Brasilien hätte ich dafür sicher über € 4.500.- hinlegen müssen.

Nachdem ich seine Musik Anfang der achtziger Jahre erstmalig zu Gehör bekam, veröffentlichte ich 1997 das erste offizielle Chico Buarque-Album in Deutschland: „Chico Total“. Zuvor waren seine Alben nur sehr schwer über Import erhältlich. Wie überhaupt brasilianische Musik kaum in Deutschland verfügbar war. Die Quellen waren Besuche bei FNAC in Paris oder in Lissabon oder die Freundin, die als Stewardess ab und zu einen Rio-Flug hatte und mit einem Einkaufszettel losgeschickt wurde. Ihre Rückkehr war wie Weihnachten.

Chico wiederum nahm zwischen 1966 und 1985 zig Alben für das Label Polygram auf, für das ich ab 1990 arbeitete. Viele seiner Songs wurden in Brasilien unter der Militärdiktatur zensiert. Er ging ins Exil nach Rom. In dieser Zeit entstand auch das Album „No.4“. Im Interview für das Booklet von „Chico Total“ berichtete er: „Es ist für mich immer noch eine sehr seltsame Platte. Ich war in Italien, schrieb die Songs und schickte sie nach Brasilien. Dort wurden sie von César Camargo Mariano aufgenommen und arrangiert, dann wurden die fertigen Playbacks nach Italien zurückgeschickt, wo ich den Gesang aufnahm.“ Heutzutage ein ganz normaler Vorgang, damals eine logistische Herausforderung. Auch aus dieser Zeit stammt das großartige Album „Per Un Pugno Di Samba“ in Zusammenarbeit mit Ennio Morricone. „Chico Total“ wurde zusammengestellt von Detlef Diederichsen und erschien mit Textübersetzungen von Karin von Schweder-Schreiner, die auch alle Bücher von Chico ins Deutsche übersetzt. Das Cover designte Ulli Maier, mein erster Mentor in Sachen brasilianische Musik.

Als Chico nun 2006 in Berlin auftrat, ahnte er bestenfalls, dass er einen deutschen Halbbruder in Berlin haben könnte. Erstmalig hatte er 1966  kurz davon gehört, als ein Freund seines Vaters beiläufig erwähnte, dass dieser einen Sohn in Deutschland habe. Sein Vater – Sergio Buarque de Hollanda – war 1930/31 Korrespondent in Berlin für eine brasilianische Zeitung. Er interviewte Thomas Mann und übersetzte die Texte des Filmes „Blauer Engel“ vom Deutschen ins Portugiesische. Während seiner Zeit in Deutschland verliebte er sich in ein Mädchen namens Anna Ernst. Sie bekam ein Kind von ihm. Chicos Vater ging kurz vor der Geburt zurück nach Brasilien; Mutter und Kind blieben zurück in Berlin. Das Kind wurde von der Familie Günther adoptiert, wuchs in der Nazizeit auf und wurde später in der DDR ein bekannter Entertainer und Sänger unter dem Namen Sergio Günther. Chicos Vater wiederum heiratete in Brasilien Maria Amelia und bekam mit ihr sieben Kinder.

Der deutsche Sohn Sergio Günther blieb jedoch im Hause Buarque ein Tabu-Thema. Weder mit seinem Vater, noch mit seiner Mutter sprach er über Sergio. Erst nach dem Tod seiner Eltern – sein Vater Sergio starb 1982, seine Mutter Maria Amelia 2010 – setzte sich Chico mit dem Thema auseinander. Zunächst begann er, einen fiktiven Roman über den Bruder zu schreiben. Es lagen ja keine Informationen vor. Doch dann fand einer seiner brasilianischen Brüder im Nachlass der Eltern alte Unterlagen von deutschen Behörden. Sie waren in einer Schublade vergraben. Chico ließ sie übersetzen. Darunter war ein Brief vom September 1934 an Sergio de Hollander – Absender: das Jugendamt der Stadt Berlin. Er enthielt die Aufforderung, ihnen den Nachweis „der arischen Abstammung“ zu erbringen. Wie damals üblich, wurde der Brief mit „Heil Hitler“ unterzeichnet. 1938 reichte Sergio die notarielle Beglaubigung bei der Deutschen Botschaft ein, dass er 1902 katholisch getauft wurde. Mit diesen Dokumenten war der Bruder plötzlich Realität.

2014 besuchte er erneut Berlin und Potsdam, um weitere Informationen über seinen Halbbruder zu erforschen. Aus Fiktion und Wirklichkeit entstand nun sein aktueller Roman „Mein deutscher Bruder“, der kürzlich in deutscher Übersetzung erschien. Das Berlin der dreißiger Jahre, Brasilien unter der Militärregierung und das heutige Berlin – alles Stationen im Buch. Seinen Bruder Sergio Günther lernte Chico Buarque allerdings nicht mehr kennen, da er bereits 1981 starb. Doch seit „der Entdeckung“ seiner deutschen Verwandtschaft besteht ein enger Draht zu Kindern und Enkeln.

Beim Lesen von „Mein deutscher Bruder“ dachte ich sehr oft an Michael Schöbel. Er war eine treibende Kraft des Berliner Kulturlebens, produzierte den wunderbaren Film „This Ain’t California“, war Manager von Nina Hagen, Bob Geldorf, Alphaville und Till Brönner. Im Januar 2015 verstarb er. Er hatte sich einer riskanten Herzoperation unterzogen. Nur ganz wenige Freunde wussten von diesem Eingriff, der eine Überlebenschance von 50:50 hatte. Ich erfuhr von seinem Tod, als ich gerade auf dem Weg zu meiner eigenen Meniskus-OP war.

Michael hatte einen brasilianischen Vater, den er Zeit seines Lebens suchte. Seine Mutter konnte oder wollte sich nicht an seinen Vater erinnern. Kein Name, keine Anhaltspunkte. Blackout. Was sie erinnerte: er war ein Intellektueller. Die einzige Erinnerung, die Michael hatte: als Dreijähriger ging er mit seiner Mutter über den Kudamm. Auf der anderen Straßenseite, so sagte seine Mutter, ginge sein Vater mit zwei Kindern.

Viele Jahre später machte sich Schöbel gemeinsam mit meiner Frau Cristina auf die Suche nach seinem Vater. Sie gingen zur Botschaft und interviewten alte Mitarbeiter. Welche Brasilianer waren namentlich registriert? Eine Vermutung war, dass der Vater Kommunist gewesen war und im Osten gewohnt hatte. Cristina wiederum erinnerte sich an ihre Deutschlehrerin, die in den sechziger Jahren im Ostteil Berlins gelebt hatte und überzeugte Kommunistin war. Ihre zwei Kinder waren in Michaels Alter, der Vater Brasilianer. Die Familie wanderte nach Brasilien aus. Dort angekommen, verließ sie der Mann und sie schlug sich mit den Kindern in Rio durch. Nach der Wende kam sie zurück nach Deutschland. Cristina befragte sie nach ihrem Mann. Doch die Lehrerin wollte nichts von ihm erzählen. Michael vermutete, dass dieser Mann vielleicht sein Vater war – eine von mehreren Spuren, die er erfolglos verfolgte. Sowohl der Vater als auch dessen Familie blieben ihm für immer unbekannt.

Chico Buarque wiederum wird in diesen Tagen von einem Musiker geehrt, dessen Konzerte ich während meines Rio-Sabbaticals selten verpasste: Hamilton de Holanda. Hamilton spielt Mandoline. Ein Außenseiter-Instrument. Doch Hamilton ist auf dem besten Wege, sich, seine Mandoline und die brasilianische Musik allgemein dank seines Könnens und Charismas ins Rampenlicht zu spielen. So wie Anna Netrebko die Klassik, Kamasi Washington den Jazz, Buena Vista Social Club die kubanische Musik, David Copperfield die Zauberei oder Ulrike Meyfahrth den Hochsprung ins breite Bewusstsein getragen haben. In Deutschland hat Hamilton die erste Hürde genommen und wurde jetzt mit dem ECHO Jazz ausgezeichnet.

Auf seinem neuen Album „Samba de Chico“ pickte Hamilton 15 Titel aus dem umfangreichen Chico Buarque-Repertoire. Plus den Bonustrack „A Banda“. In Deutschland ist „A Banda“ noch einigen als Hit „Zwei Apfelsinen im Haar und an den Hüften Bananen“ von France Gall im Ohr. Neben seiner Verneigung an Chico ist das Album auch ein Tribut an das 100-jährige Samba-Jubiläum in 2016. Chico ist bei zwei Titeln als Gastsänger vertreten. Das Album erscheint am 27. Mai. Man braucht keine Freundin, die bei der Lufthansa arbeitet, denn das Album wird überall in Deutschland erhältlich sein!

Im gleichen Studio, in dem „Samba de Chico“ aufgenommen und abgemischt wurde, arbeitete das Mastering-As André Dias an legendären Aufnahmen, die seit vielen Jahren auf ihre Wiederveröffentlichung warten: den ersten drei Alben von João Gilberto „Chega de Saudade“ , „O Amor, o Sorriso e a Flor“ und „João Gilberto“. Sie erschienen seinerzeit auf dem Label Odeon und sind Meilensteine des Bossa Nova. João Gilberto trennte sich 1963 von der Plattenfirma, die zunächst von EMI und nun kürzlich von Universal Music geschluckt wurde. Von Beginn an gab es Konflikte zwischen João und Odeon und deren Nachfolgerfirmen. João monierte den minderwertigen Sound der Wiederveröffentlichungen, die nicht von den Originalbändern gemacht wurden. Viele Re-Releases erschienen darüberhinaus nicht in der Original-Reihenfolge, wie sie João vorgegeben hatte. Und letztlich sind laut João noch ein paar Lizenzzahlungen fällig. Vermutlich waren das auch die Gründe dafür, dass sich João Mitte der neunziger Jahre mir gegenüber interessiert zeigte, die ersten drei Alben nochmals einzuspielen. Dazu kam es jedoch nicht (siehe Kapitel „Auf der Coach mit einem Geist“). 1997 nun lag der Streitwert bei 2 Millionen Reais, mittlerweile sind es 200 Millionen Reais – umgerechnet knapp 49 Millionen Euro. Juristische und finanzielle Unterstützung erhält João von der bahianischen Bank „Opportunity“. Die Bank bemüht sich um die Rechte dieser drei Alben. Das Ziel der Bank ist die Erschließung neuer Geschäftsfelder, wie z.B. die Lizenzierung für Spiel- und Werbefilme.

Die Bank und João beauftragten André Dias 2013, die drei Alben neu zu mastern. Dafür stellte Universal Music ihm leihweise die Bänder zur Verfügung. Sechs Monate arbeitete er intensiv daran, den Originalsound wiederherzustellen. Die Bänder waren zum Teil schon porös. Das Ergebnis durfte ich im Studio hören. Klar und transparent klingen Joãos Stimme und alle Instrumente. Es war eine Zeitreise in die Geburtsstunde des Bossa Nova – sensationell! Doch João zweifelt. Er zog weitere Soundexperten aus Los Angeles und Japan zu Rate. Sie bestätigten die Brillanz der Arbeit von André Dias.

Ob und wann die Alben wiederveröffentlicht werden, steht in den Sternen. Kürzlich wurde gerichtlich festgelegt, dass Universal Music die Aufnahmen nicht auf den Markt bringen darf. Doch sind die Bänder nach wie vor im Besitz der Plattenfirma. Ach ja, zwischenzeitlich hat sich das Verhältnis zwischen der Bank „Opportunity“ und dem Künstler auch schon wieder deutlich verschlechtert. Ob João also irgendwann noch mal die Gelegenheit erhält, seine Version der drei Alben zu präsentieren, ist völlig unklar.

Übrigens, João Gilberto ist der Schwager von Chico Buarque. Dessen Schwester Miúcha ist zumindest auf dem Papier noch verheiratet mit ihm. Miúcha ist ebenfalls Bossa Nova-Sängerin. Viele Soloalben und Gemeinschaftsproduktionen mit Tom Jobim oder Vinicius de Moraes spielte sie in den letzten Jahrzehnten ein. Sie gewährte uns auch einen Blick in das Familienbuch und lebt die verwandtschaftlichen Beziehungen nach Deutschland.

Ihr Bruder Chico Buarque wiederum engagiert sich in diesen Tagen für Djilma Roussef, die gerade für 180 Tage von ihrem Präsidentenamt suspendiert wurde. Sie hat nur noch wenig Rückhalt in der Bevölkerung. Das Land erlebt die größte wirtschaftliche Krise seit Jahrzehnten. Fast alle Politiker sind in Korruptionsfälle verstrickt. Eine große Gefahr für die noch junge Demokratie Brasiliens. Chico bezieht erneut Position.

Titelfoto: Dirk Bleicker

 

 

2 Kommentare

  1. Frank am

    Das Leben schreibt wirklich die schönsten und schrägsten Geschichten. Und du hast immer deinen ganz persönlichen Blick darauf lieber Kelly. Danke dafür.
    Wie fandest du denn Chicos Buch? Ich habe nur positive Kritiken gelesen, auch wenn es wohl etwas ungewöhnlich sein soll, in dem es Fiktion und Biographie vermischt.

    • Christian Kellersmann am

      Danke für die freundlichen Worte, lieber Frank.
      Zu Deiner Frage: ich habe „Mein brasilianischer Bruder“ mit großem Interesse gelesen. Der Mix aus Realität und Fiktion, Berlin der 30er Jahre, Rio Mitte der 60er und der heutigen Zeit ist beeindruckend ineinander geflochten.

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